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Brennen, bis das letzte Feuer erlischt open.png

Dauerbelastung bei Bundesligatrainern, erschienen am 23. September 2011, Stern.de


Der Arbeitsalltag von Bundesligatrainern ist mit dem von Topmanagern vergleichbar. Kein Wunder, dass sie von den gleichen Krankheiten heimgesucht werden, wie der Fall Ralf Rangnick zeigt.

Armin Veh ist seit Jahrzehnten Trainer. Er kann sich mit Inbrunst über den schlechten Rasen im heimischen Stadion beschweren. Und wenn die Gäule mit ihm durchgehen, nennt er auch mal den Spieler beim Namen, der den entscheidenden Fehlpass vorm gegnerischen Siegtor gespielt hat. Kurzum: Der Mann nimmt seinen Job verdammt ernst. Allerdings: Man sieht Armin Veh manchmal mit Zigarette und herzlichem Lachen im Gespräch mit alten Bekannten. Veh hat viele kleine Lachfältchen und wenn dem Frankfurter Trainer früher ahnungslose Präsidenten allzu sehr auf den Zeiger gingen, hat er schon mal durchblicken lassen, dass er nicht vorhabe, sich alles gefallen zu lassen. Daher ist Armin Veh bei Journalisten ausgesprochen beliebt. Aber: Einige haben dem Mann schon unterstellt, ihm fehle das "letzte Feuer".

Ralf Rangnick ist ebenfalls seit Jahrzehnten im Geschäft. Die Vorstellung, ihn mit einer Zigarette in der Hand zu sehen, ist in so realistisch wie die Idee, der Papst könne auf seiner Deutschlandreise ein Loblied auf die freie Liebe singen. Rangnick, privat ein nachdenklicher, durchaus emotional entscheidender Mensch, hat die Öffentlichkeit stets als hochintelligenten, kontrollierten Perfektionisten wahrgenommen. Er hat den Satz geprägt, wonach nur derjenige ein Feuer entfachen können, der selbst brenne. Das mit dem Feuer hören sie gerne in der Fußballbranche, in der es als höchstes Lob gilt, wenn man von einem Manager oder Trainer sagen kann, er "brenne an beiden Enden". Wer dauernd brennen muss, läuft allerdings Gefahr, irgendwann auszubrennen.

Jedes einzelne Spiel eine neue Reifeprüfung

Bundesligatrainer sind in vielerlei Hinsicht mit Spitzenmanagern vergleichbar. Was das Gehalt anbetrifft, die Arbeitszeiten und die spezifischen Berufskrankheiten. In einer Hinsicht sind Bundesligatrainer dann aber nicht mehr mit Spitzenmanagern zu vergleichen. Während die Spitzenkräfte von Dax-Konzernen in aller Regel unbehelligt im Restaurant sitzen können, weiß jedes Kind, wie der Trainer von Hannover 96 oder gar Bayern München aussieht. Abschalten kann man in dieser Branche der tausend Kameras allenfalls zuhause. Und im Gegensatz zum Dax-Vorstand, der einmal im Jahr seinen Aktionären gegenüber Rechenschaft erstatten muss, ist jedes einzelne Spiel eine neue Reifeprüfung.

Die extremsten Folgen: Herzinfarkt wie im Fall der schottischen Trainerlegende Jock Stein, der 1985 bei einem WM-Qualifkationsspiel starb - ähnlich wie der ehemalige Bayern-Trainer Gyula Lorant vier Jahre zuvor. Oder die Flucht in den Alkohol. Die traurigen Bilder des Meistertrainers Branco Zebec, der sturztrunken auf der HSV-Bank saß, sind noch immer eine erschreckende Mahnung an die heutige Trainergeneration. Heute gibt sich zwar niemand mehr die Blöße, fast von der Bank zu fallen. Gerüchte über Alkoholismus gibt es bei dem ein oder anderen aber schon.

"Das Rad dreht sich immer weiter"

Die weniger, aber dennoch dramatische Folge: Burnout. "Es wundert mich nicht, dass auch Bundesliga-Trainer dieser Managerkrankheit verfallen. Es ist auch für mich wichtig, mich zu disziplinieren und bewusst zu machen, wie wichtig geistige und emotionale Regeneration sind", sagt etwa Thomas Tuchel, der Trainer von Mainz 05. "Es tatsächlich umzusetzen, ist aber schwer. Denn das Rad dreht sich immer weiter."

Das meint auch der Bochumer Sportpsychologe Thomas Graw. Rangnick, findet er, habe sich "genau richtig verhalten", als er die Reißlinie zog: "Ein vegetatives Erschöpfungssyndrom ist ein Warnschuss, eine Ansage: Wenn das so weitergeht, kriegen wir ernsthafte Probleme." Der Schalke-Trainer hat die Ansage ernst genommen. Doch in der Arbeitswelt ist es gang und gäbe, weiterzufunktionieren, bis man endgültig an einem toten Punkt angelangt ist. Gerade im Fußball, diesem in sich geschlossenen System, in dem jeder Akteur unter Dauerbeobachtung steht, die immer intensiver wird. "Es ist ein andauernder Stress zu wissen, dass man permanent Energie investieren muss, ohne dass man auch Phasen der Regeneration hätte", sagt Thomas Graw.

"In diesem System übt jeder auf jeden Druck aus"

Flasche leer, Akku entladen - es gibt viele Bilder, die den Zustand der Ermüdung beschreiben. Hinzu kommt die öffentliche Dramatisierung. Im Grunde genommen muss ein Trainer bereits nach einer Niederlage die ersten mulmigen Gedanken bekommen, was seine Zukunft angeht. Zwei Niederlagen zu Saisonbeginn sind inzwischen schnell eine "Serie". Das nächste Spiel wird dann selbstredend zum "Schicksalsspiel" für den Trainer erklärt. In Gelsenkirchen wissen sie spätestens seit Mittwoch, dass ein Schicksal nicht unbedingt etwas mit den Zufälligkeiten zu tun hat, die 22 Männer während 90 Minuten produzieren.

Rangnicks Leverkusener Kollege Robin Dutt hat kluge Worte gefunden. "In diesem System übt jeder auf jeden Druck aus: Spieler auf Trainer, Trainer auf Spieler, Medien auf Spieler, Medien auf Trainer, Fans auf Spieler, Fans auf Trainer." Im Übrigen empfahl Dutt, der sich in seiner Freiburger Zeit einen Tag die Woche komplett für die in Stuttgart wohnende Familie Zeit genommen haben soll, "sich selbst Freizeit aufzuerlegen und Vertraute an der Seite zu haben, die einen warnen".

Wahre Worte. Aber warum reden dann in der Branche alle von morgens bis abends nur über Fußball? Es wird Zeit, Armin Veh in ganz neuem Licht zu sehen.

Fahrstuhl zwischen Wahrheit und Lüge open.png

Die Schiedsrichter-Affäre, erschienen am 10. Februar 2011, Spiegel-Online


Ein Zungenkuss im Fahrstuhl, die Hand im Genitalbereich: In der Affäre um den ehemaligen Schiedsrichter-Beobachter Manfred Amerell und Referee Michael Kempter kamen vor dem Landgericht Hechingen pikante Details zur Sprache. Doch die wichtigsten Fragen sind nach wie vor ungeklärt.

Juristen sind offenbar abgebrühte Leute. Kurz nachdem Richter Alexander Meinhoff den Verhandlungstag in der Schiedsrichter-Affäre vor dem Landgericht Hechingen beendet hatte, wandten sich die Anwälte der beiden Kontrahenten mit recht gleichlautenden Stellungnahmen an die Medienvertreter. "Letztlich ist es nicht zu der befürchteten Schlammschlacht gekommen", sagte Jürgen Langer, Anwalt des ehemaligen Schiedsrichterbeobachters Manfred Amerell. Und war sich zumindest in diesem Punkt mit Christoph Schickhardt einig, der es als Rechtsbeistand von DFB-Schiedsrichter Michael Kempter ähnlich formulierte.

Nach dem Geschmack der zumeist älteren Zuhörer wurden am Donnerstag allerdings genügend Details präsentiert, die in den meisten zwischenmenschlichen Beziehungen aus gutem Grund nicht öffentlich erörtert werden. Doch genau das ist der Kern des Konflikts zwischen Manfred Amerell (63 Jahre alt) und dem 28-jährigen Kempter, der seit April vergangenen Jahres kein Pflichtspiel mehr gepfiffen hat: Während Amerell das Verhältnis, das zwischen beiden jahrelang bestand, als einvernehmlich schildert, will Kempter es gänzlich anders erlebt haben. Mit teils brüchiger Stimme schilderte er, wie Amerell ihm bei gemeinsamen Autofahrten die Hand auf den Oberschenkel gelegt habe und sich seinem Genitalbereich genähert habe.
Erstmals behauptet Kempter zudem öffentlich, dass Amerell sich bereits im Juli 2001 bei einem Lehrgang im niedersächsischen Barsinghausen genähert habe. Kempter war damals 18 Jahre alt. Er sei völlig verdattert gewesen, als ihn Amerell mit Zärtlichkeiten ("kurz umarmt, Kuss auf den Mund") empfangen habe und ihm die Hand auf den Oberschenkel gelegt habe. "Ich habe mir da anfangs nichts Schlimmes bei gedacht, ich wusste ja, dass Herr Amerell verheiratet ist." Amerell indes bestritt, dass es vor Mitte 2008 überhaupt zu Zärtlichkeiten gekommen sei.

"Die psychologische Hilfe hat ihm sehr geholfen"

Kempter, der bis dato weder in einem seiner Interviews noch bei der staatsanwaltlichen Vernehmung sexuelle Übergriffe Amerells zu einem solche frühen Zeitpunkt erwähnt hatte, erklärt das mit einer "Traumatisierung", die sich bei ihm erst nach therapeutischer Behandlung gelöst habe. "Die psychologische Hilfe hat ihm sehr geholfen", sagt sein Anwalt Christoph Schickhardt.

In Amerells Erinnerung stellt sich das Verhältnis der beiden Männer hingegen als intensive Freundschaft dar, die im Laufe der Jahre an Intensität zugenommen habe, ehe es Mitte 2008 erstmals zu einem sexuellen Kontakt gekommen sei. Den Einwurf des nicht eben zurückhaltenden Schickhardt, Amerell habe sich ja offenbar mehreren jungen Schiedsrichtern genähert, wies dieser empört von sich.

Im Mai 2008 kam es im Lift eines Kölner Hotels zu einem Zungenkuss. Das immerhin ist unstrittig. Alles andere nicht. "Er hat mir seine ekelhafte Zunge in den Mund gesteckt", sagte Kempter und sah sich fortan noch detaillierteren Nachfragen von Amerells Verteidiger ausgesetzt. Als Kempter schilderte, wie sich ihm Amerell über all die Jahre hinweg immer wieder besonders in engen Räumen genähert habe, schien es, als hätten die meist älteren Zuhörer Sympathien für den jungen Referee.
Kurz darauf legten sie aber wieder die Stirn in Falten, als Amerells Anwalt Langer aus einer E-Mail zitierte, die Kempter zwei Tage nach den Ereignissen im Kölner Hotel an Amerell schrieb: "Hi, Manni, die wahre Liebe gehört uns", heißt es dort. Kempters Erklärung: der zudringliche Amerell habe immer wieder "gut gestimmt" werden müssen.

Nach gut dreieinhalb Stunden zog sich Richter Alexander Meinhoff schließlich mit seinen Beisitzern zu einer längeren Beratung zurück, zu der schließlich auch die Prozessbeteiligten hinzugebeten wurden. Das Verfahren wird nun schriflich fortgesetzt. Wie eine Einigung aussehen könnte, bleibt angesichts der komplett unterschiedlichen Darstellungen, schwer vorstellbar. Kempter-Anwalt Jürgen Langer wollte immerhin so viel andeuten: "Als Fazit kann man sagen: es geht nicht ums Geld."

Da bricht ein Weltbild zusammen open.png

Missbrauch an Odenwaldschule, erschienen am 14. März 2010, Spiegel-Online


Acht ehemalige Lehrer, darunter der Direktor, sollen an der Odenwaldschule in Hessen über Jahre hinweg Schüler missbraucht haben. Ein Mitglied des Kollegiums sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Last der Erinnerungen - und die Herausforderungen des Neuanfangs.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brandwein, Sie selbst sind nicht nur Lehrer an der Odenwaldschule, sondern waren früher auch Schüler hier. Anfang dieser Woche hat Ihre Schule 900 Ehemalige aufgefordert, sich zu melden, wenn sie hier Opfer sexueller Übergriffe wurden. Haben Sie bereits mit ehemaligen Klassenkameraden telefoniert?

Brandwein: Ja, einige, die sich schon 1999 an die Einrichtung gewandt haben und viele, die sich jetzt erst melden, sind mit mir damals in die Schule gegangen. Die sagen dann: 'Jetzt wird mir klar, warum es mir so schlecht ging nach der Schule. Jetzt fällt mir ein, dass Herr Becker damals komische Dinge mit uns gemacht hat.' Sie haben alles mehr als 20 Jahre lang verdrängt.

SPIEGEL ONLINE: Margarita Kaufmann, die Direktorin der Odenwaldschule, berichtete zuletzt vom Fall eines zehnjährigen Jungen, der vom früheren Schulleiter Gerold Becker zweimal die Woche dazu gezwungen wurde, sich nackt auf dessen Bett zu legen, während er sich befriedigte. Menschen, die Becker kannten, schildern ihn als charismatischen, warmherzigen Mann. Wie passt das zusammen?

Brandwein: Ich war von 1975 bis 1988 hier Schüler, die meiste Zeit davon war Herr Becker mein Direktor. Er hat bei uns Schülern eine emotionale Ebene angesprochen, sich um vieles gekümmert. Als wir auf Studienreise in England waren, hat er jedem Schüler einen persönlichen Brief geschrieben. Und die Briefe, die man zurückgeschrieben hat, hat er alle gelesen. Man hatte den Eindruck: Da ist einer, der weiß alles über mich.

SPIEGEL ONLINE: Er genoss eine Vertrauensstellung?

Brandwein: Ja, und das macht es noch monströser, was er getan hat. Meine Eltern waren hier auch Mitarbeiter, haben hier im Ort gebaut und sind Anfang der siebziger Jahre aus ihrem Dienst ausgeschieden - zu Beginn der Amtszeit Beckers. Da frage ich mich heute natürlich auch, ob das so ein Zufall war.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben also nicht im Internat gelebt?

Brandwein: Nein, ich bin nebenan im Dorf aufgewachsen und war hier als externer Schüler. Ich weiß aber noch, dass ich mich ab der sechsten, siebten Klasse nach dem Unterricht immer sofort zurückgezogen habe. Ich habe jahrelang lieber etwas mit den Kindern aus dem Dorf gemacht. Erst in der Oberstufe habe ich mich wieder integriert. In der Mittelstufen sind offensichtlich ganz viele Mitschüler missbraucht worden.

SPIEGEL ONLINE: Gesprochen hat darüber aber niemand?

Brandwein: Natürlich nicht. Wobei es in der Zeit offenbar bereits Eltern gab, die ihre Kinder von der Schule genommen haben. Die haben aber auch nicht nachgehakt, sind beispielsweise nicht zur Polizei gegangen. Ich wäre auch nie auf so eine Idee gekommen. Ich fand nur, dass die anderen irgendwie komisch wurden, man wusste, dass einige plötzlich Drogenkontakte hatten. Heute führe ich Telefonate, in denen jemand sagt: Mein damaliger Zimmergenosse ist an Drogen zugrunde gegangen - es könnte sein, dass das damit zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie fragen sich jetzt im Nachhinein, ob Sie nicht damals intuitiv geahnt haben, was oben im Internat vorfiel?

Brandwein: Ja, klar. Zumal jetzt herauskommt, dass Lehrer, die ich damals ganz toll fand, auch Übergriffe begangen haben. Da bricht ein Weltbild zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Sieht das jeder in der Odenwaldschule so? Im Vorstand der Schule gibt es ja allem Anschein nach immer noch Personen, die sich dem ehemaligen Schulleiter Becker verpflichtet fühlen.

Brandwein: Über die Haltung einiger Vorstandsmitglieder zu Becker möchte ich nichts sagen. Allerdings waren wir uns im Kollegium schon im Dezember einig, dass der Korken aus der Flasche muss.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich darin nach den letzten Tagen bestärkt?

Brandwein: Unbedingt. Es gibt Ehemalige, die haben schwere Schäden davon getragen und wollen in diesem Jahr zum ersten Mal seit dem Abitur wieder an die Odenwaldschule kommen. Weil sie wissen, dass bis zur 100-Jahr-Feier im Sommer wirklich jedes dieser 'Arschlöcher' hier Hausverbot hat. SPIEGEL ONLINE: Solche Anrufe machen Ihnen Mut?

Brandwein: Ohne sie könnte man das hier im Moment nicht ertragen.

Lahme Flucht nach vorne open.png

Odenwaldschule in der Kritik, erschienen am 8. März 2010, Spiegel-Online


Liberal, weltoffen, leicht elitär: Die Odenwaldschule gilt als bundesdeutsches Vorzeigeinternat und ist stolz auf ihre freigeistigen Traditionen. Jetzt wird das Institut von einem Missbrauchsskandal eingeholt - die Führung ließ sich lange Zeit für den Schritt in die Öffentlichkeit.

Durch unzählige Kurven schlängelt sich der Weg von der südhessischen Kleinstadt Heppenheim nach Ober-Hambach. Unten im Tal führt die Straße vorbei an rebbewachsenen Hängen. Oben liegt eine harsche Schneedecke über der Landschaft. Hier, wo man nur in seltenen Glücksmomenten Handy-Empfang hat, warten an diesem sonnigen Montagnachmittag Hunderte Journalisten auf Neuigkeiten aus der Odenwaldschule.

Von 24 Missbrauchsfällen berichtet Schulleiterin Margarita Kaufmann wenig später, erst am Morgen hätten sich erneut zwei ehemalige Schüler gemeldet, die "Opfer sexualisierter Gewalt" geworden seien. "Viele getrauen sich jetzt erst zu berichten, was ihnen geschehen ist", so Kaufmann. Das sei vor allem ein Erfolg des "offenen und offensiven Umgangs", zu dem man sich entschlossen habe.
Vom traditionell engen Kontakt zwischen Lehrern und Schülern ist in der Folge die Rede, und so manche Frage zielt nach dem Klima, in dem die Gewalttaten geschehen konnten. "Schon sehr liberal" sei es zugegangen, berichtet die Schulleiterin. Einen Zusammenhang zu den Übergriffen sehe sie da aber nicht: "Die katholische Kirche ist nicht liberal, und da ist das auch passiert."

Sensibler Punkt

Margarita Kaufmann weiß, dass hier ein verwundbarer Punkt ihrer Schule liegt. Denn das enge Vertrauensverhältnis zwischen Lehrkräften und Schülern ist auch heute noch Teil des pädagogischen Konzepts: Schüler und Lehrer leben weiterhin in sogenannten Familien zusammen. Alle schließen aber mittlerweile ihre Türen ab und signalisieren durch ein Stopp-Schild am Türgriff, dass sie nicht gestört werden wollen. Nicht nur das war früher ganz anders.

Überall in der Odenwaldschule ist an diesem sonnigen Nachmittag die Angst zu spüren: die, dass konservative Politiker und Pädagogen die Existenz des Internats grundsätzlich in Frage stellen könnten.

Volker Weiß, Oberstufenleiter und seit 18 Jahren Angestellter der Schule, ist ein nachdenklicher Mann. Warum es ein Jahr gedauert hat, bis die Schule nach ersten Hinweisen auf Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit gegangen ist und andere Ehemalige befragt hat? Obwohl eine Arbeitsgruppe aus ehemaligen Schülern schon früh signalisierte, dass es viel mehr Betroffene geben könnte?

"Eine schwache Entschuldigung"

Weiß hat sich diese Frage in den letzten Wochen ganz offensichtlich häufiger gestellt, jedenfalls antwortet er schnell: "Das Tagesgeschäft" habe vieles überlagert, sagt er. Und dass das "eine schwache Entschuldigung" sei. "Die Lehrerschaft hätte das sicher befürwortet", so Weiß. Mehr will er dazu nicht sagen, aber das "Familienprinzip auf den Prüfstand stellen". Das schaffe eine "Nähe, die ungesund sein kann".

Am grundsätzlichen Erziehungsmodell - kleine Klassen, ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, will er nicht rühren. Das habe "über all die Jahre viel mehr Schülern genützt, als es geschadet hat", sagt Weiß.

Franziska P. kann sich dem nur anschließen. Die 16-Jährige war zuvor auf einer staatlichen Schule und lobt das "vertrauensvolle, aber dennoch respektvolle Klima hier". Man werde an der Odenwaldschule als Gesamtpersönlichkeit angesehen, "nicht rein nach der Leistung" beurteilt, sagt sie. 2000 Euro Schulgeld pro Monat koste das Internat. Viel Geld, wie auch Franziska findet.

Voll des Lobes

Auch der 19-Jährige, der seinen Namen lieber für sich behalten will, ist voll des Lobes über Schule und Schulleiterin, die in den vergangenen zwei Jahren viele alte Zöpfe abgeschnitten habe. Auf dem Bremer Gymnasium, das er vorher besuchte, sei der "Lehrer noch das unantastbare Alphatier" gewesen, sagt er, es sei ein "herrischer Umgangston" gepflegt worden. In der Odenwaldschule lerne man, andere Menschen zu respektieren, weil man selbst respektiert werde.

"Bevor ich hierher kam, habe ich mir einen ganzen Sommer lang zehn andere Internate angeschaut und mich dann für die Odenwaldschule entschieden." Bereut habe er das noch nicht eine Sekunde lang, sagt er.

Überhaupt sei das liberale Klima an der Schule nicht das Problem, sondern eher der Umstand, dass das nicht in allen Gremien herrsche. Im Vorstand, sagt ein Schüler, habe der ein oder andere den ehemaligen Direktor und mutmaßlichen Missbrauchstäter B. bis zuletzt schützen wollen. Und so verhindert, dass Schulleiterin Kaufmann und die Lehrer früher die Flucht nach vorne hätten ergreifen können.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entschloss man sich nämlich erst zum Gang in die Öffentlichkeit, als ehemalige Schüler unverhohlen ankündigten, dass sie, sollte bis dahin nichts passiert sein, im Sommer aus eigenem Antrieb die Presse kontaktieren würden. Und zwar kurz vor der 100-Jahr-Feier.

Bier-Manufakturen in Franken - Wo Frauen brauen open.png

Reportage über handwerkliche Brauereien in der fränkischen Schweiz, Okt. 2009, Spiegel-Online


Vier Brauereien für 4000 Menschen - Gräfenberg in Franken ist ein Bier-Paradies. Drei der Manufakturen werden von Frauen geführt. Sie produzieren so wohltuend weit weg vom Massengeschmack, dass das Dorf inzwischen Touristen anlockt.

Langsam wandert die Morgensonne über das Dach der gegenüberliegenden Abfüllanlage. Die ersten Lichtstrahlen dringen ins "Lindenbräu". An der Wand hängen Schwarzweißfotos, Hopfendolden umrahmen Brauerwerkzeug. Hier in ihrer kleinen Gaststube wartet Irene Brehmer-Stockum auf den ersten Ansturm des Tages. Und der wird kommen, wie er jeden Tag kommt, obwohl das "Lindenbräu" in Gräfenberg liegt, einem fränkischen Dorf mit gerade mal 4022 Einwohnern.

Vor allem Wanderer lockt der "5-Seidla-Steig" hierher - auf zehn Kilometern kann man bei fünf Brauereigaststätten einkehren. Vier liegen auf dem Gebiet der Gemeinde Gräfenberg. Und drei werden von Frauen geführt.

Eine der Frauen ist Irene Brehmer-Stockum, die sich jetzt erst mal zielstrebig einen Kaffee einschenkt und zurücklehnt. Small Talk ist nicht ihr Ding, lieber kommt sie gleich zur Sache - und damit zu ihrem Bier. Seit 1900 wird es im "Lindenbräu" hergestellt, und bis heute hat sich an der Prozedur nichts verändert. Obwohl Trendforscher immer wieder dazu raten, das Gebräu mit poppigen Beigaben aufzupeppen. Obwohl es vor ein paar Jahren hieß, Bier müsse hopfiger schmecken als das süffig-malzige, oft bernsteinfarbene "Altfränkische", das hier in der Region gebraut wird. Obwohl die Großen der Branche seit neuestem versuchen, mit möglichst bunten chemischen Mischungen höhere Umsätze in diesem schrumpfenden Markt zu erzielen.

1975 hat jeder Deutsche 150 Liter Bier pro Jahr getrunken, jetzt sind es noch knapp 110 Liter. Viele kleine Privatbrauereien müssen fusionieren oder zumachen. Das alles ist der Chefin des "Lindenbräus" egal - sie macht einfach weiter wie gewohnt, und sie würde auch das seit Generationen überlieferte Rezept niemals ändern.

"Das Einheitsbier können Sie bei einer Blindverkostung kaum unterscheiden, bis auf die ganz herben Sorten", sagt sie. "Hier dagegen kennen die Leute das Bier ihrer Brauerei. Jedes schmeckt anders." So soll es auch bleiben. "Solange wir unsere Nische gefunden haben, können die Großen machen, was sie wollen."

Die wenigsten Biertrinker wissen, wie mannigfaltig sich ihr Getränk im Geschmack unterscheiden kann. Klar, es darf nur aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe bestehen. Doch es gibt billiges und hochwertiges Malz. Es gibt lebende und sterilisierte Hefe. Es gibt große Unterschiede in der Zubereitung, wenn man auf eine lange Lebensdauer achten muss. Die großen Brauer wollen ihre Ware oft für Jahre haltbar machen. Bier aus Gräfenberg muss innerhalb weniger Wochen getrunken werden, weshalb die Meisterinnen aus dem Dorf auf Erhitzung oder Sterilisierung verzichten.

Ihr Bier schmeckt deshalb nuancenreich - und ungeheuer frisch. Wie beim Brot sei das, sagt Brehmer-Stockum: "Da gibt's auch welches, das sich ein Jahr hält. Aber sicher kein gutes."

"Leute, denen nicht egal ist, was sie trinken"

Das sieht auch Elfriede Hofmann so, die in der fünften Generation Bier braut. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Betriebes. 1500 Hektoliter werden hier hergestellt - aber kein Supermarkt, kein Getränkemarkt führt das Bier aus dem Vorort Hohenschwärz. "Wir leben von den Selbstabholern und von den Wirtshäusern, die unser Bier haben."

Um die Familie zu ernähren, gibt es auch noch eine Wirtschaft auf der anderen Straßenseite. Dort wird der halbe Liter Bier zum sensationellen Preis von 1,90 Euro verkauft - üblich in einer Region, in der ein opulentes Abendessen etwa sechs Euro kostet und eine Übernachtung im Wirtshaus gerade mal 20 Euro.

Die kleinen Brauereien gehen fair miteinander um. "Man leiht sich schon mal den Leim für die Etiketten", sagt Sigi Friedmann, deren Biermanufaktur am Ortseingang steht. Die Frau käme nicht auf die Idee, eine Wirtschaft zu beliefern, die zu den Abnehmern einer Kollegin gehört. Das sei tabu, sagt die resolute Frau und erzählt, dass sie vor ihrem 14-Stunden-Tagen oft joggen geht, um mit mehr Energie in den Tag zu starten.

Energie braucht sie. Denn die 48-Jährige muss in dem männerdominierten Geschäft viel aushalten. Als sie 1994 den väterlichen Betrieb übernahm, hörte sie immer wieder: "Der Betrieb ist bald bankrott." Am Telefon fragten Vertreter erst nach dem Chef, dann nach dem Braumeister - und legten schließlich wortlos auf, als sie hörten, dass sie beides ist.

Heute sei es nicht mehr ganz so schlimm, sagt sie. Aber die Brauwirtschaft sei noch immer eine Männerdomäne.

Die Braumeisterin beklagt einen härteren Konkurrenzkampf, vor allem seit ein großer Konkurrent aus der Gegend versucht, sein Bier mit Kampfpreisen in die Stammwirtshäuser der Kleinen zu drücken. Friedmann kann da nicht beliebig mithalten. "Es ist eben teurer, wenn man Hopfen und Gerste vom kleinen Bauer kauft", sagt sie. Und es treibe nun mal die Kosten in die Höhe, wenn man Arbeiter im Winter nicht entlasse.

Ihre Tochter will den Betrieb übernehmen und studiert in Weihenstephan Brauereiwissenschaften. Friedmann sieht das mit gemischten Gefühlen. "Eines macht mir Hoffnung", sagt sie. "Es kommen immer häufiger junge Leute, denen es nicht egal ist, was sie trinken."