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Der Freiburg-Trainer Christian Streich
erschienen bei Spiegel Online, am 28. Nov 2012


Christian Streich ist ein ungewöhnlicher Trainer. Und das hat nichts damit zu tun, dass er mit dem Fahrrad zum Training fährt. Mit ihm ist der SC Freiburg von einem Abstiegs- auf einen Europapokalplatz gerückt. Dabei hatte man einst auf ihn als Chef verzichtet - aus Furcht vor negativen Schlagzeilen.

Sonntag, bald kommt der "Tatort". Auf dem Stadionparkplatz ist kaum noch ein Auto zu sehen, der Mannschaftsbus der Stuttgarter ist nach der 0:3-Klatsche in Freiburg längst auf dem Weg ins Schwäbische. Doch mitten in Dunkelheit und Nieselregen leuchtet im Stadionbau ein helles Rechteck: Im Trainerzimmer herrscht noch reges Treiben. Zwei Stunden nach Abpfiff. Der Mann, der da so eindringlich mit den Armen rudert und offenbar eine Spielsituation nachstellt, ist Christian Streich. Der SC-Trainer hat Besseres zu tun, als Feierabend zu machen. Schließlich sitzen hier noch ein paar Fußballfachleute.

Der 47-Jährige ist ein Ball-Besessener, einer, der sich 90 Minuten lang völlig vergessen kann. Es braucht dann nicht viel, um ihn auf die Palme zu bringen: Ein Schiedsrichterpfiff, dumme Parolen von den Rängen, ein Spieler, der irgendwelche T-Shirt-Liebeserklärungen in die Kamera hält, anstatt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Dann kann Streich zur Furie werden. Wer das auf die hohe Nervenbelastung in der Bundesliga schiebt, war noch nie im Möslestadion, in dem die SC-Nachwuchsmannschaften ihre Heimspiele austragen: Der Mann war schon als A-Jugendtrainer so.

Allerdings findet man in der Freiburger "Fußballschule" niemanden, der sich negativ über Streich äußert. Man hört dort viele Anekdoten, die einen warmherzigen, herzlichen und sensiblen Menschen porträtieren, der über eine im Fußball-Business rare Gabe verfügt: Die, die sich zurücknehmen, um sich auch einmal von außen zu sehen.

"Ich bin meist in der Position des Erzählenden"

Am Montag wurde er gefragt, was sich an seinem Leben geändert habe, seit aus "dem Christian" der Bundesliga-Trainer geworden ist. Seine Antwort: der Medienhype. Und: Er erfahre kaum noch etwas von anderen Menschen. Egal, ob er sich zum Kochen verabrede oder zum Fußball-Gucken, mögen die Berufe der Freunde noch so spannend sein - meist stellt man ihm eine Frage, bevor er selbst eine stellen kann. "Ich bin meist in der Position des Erzählenden. Früher habe ich mehr über andere erfahren. Schade." Man kommt spontan nicht auf viele Trainerkollegen, die so antworten würden.

Streich ist ein Trainer, der ernsthaft darunter leidet, dass er Spieler, die er mag, auf die Tribüne setzen muss, der Rassisten verachtet ("Was sind das für Menschen"?) und Zyniker sowieso. Also alle, die sich über andere erheben. Streich, der Metzgerssohn aus Weil am Rhein, verfügt über viel Empathie. Und als studierter Germanist weiß er sogar, was das ist.

Als es im Sommer vergangenen Jahres darum ging, wer die Nachfolge von Robin Dutt antreten sollte, war Streich in der engeren Auswahl. Cheftrainer wurde er aber nicht. Nicht weil man ihm das fachlich nicht zugetraut hätte, sondern weil man Angst hatte, er könne zu cholerisch sein und damit negative Schlagzeilen produzieren.

Freiburg ist ein Idyll, das sich gerne auch mal ohne Grund bedroht fühlt

Diese Fehleinschätzung ist in Freiburg nicht ohne innere Logik: Nachdem ein Journalist beim vorletzten Heimspiel mitgehört hatte, wie ein leitender Angestellter im Kabinengang über den Schiedsrichter schimpfte, standen die Journalisten beim Stuttgart-Spiel fünf Minuten lang vor verschlossenen Türen zur Interviewzone. Freiburg ist ein Idyll, das sich gerne auch mal ohne Grund bedroht fühlt.

Erst als Marcus Sorg, der glücklose Ex-Coach gehen musste, schlug Streichs Stunde. Mit ihm kam der Erfolg: In der Rückrundentabelle belegte der SC Rang sieben, vor dem Bayern-Spiel (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) rangiert man auf Platz neun.

Und selbst Streich, der bei Fragen nach einer Korrektur des Saisonziels dreinblickt, als entsteige der Fragende gerade einem Ufo, gibt zu: "Wir haben die Punkte nicht gestohlen. Es läuft ganz gut." Frankfurts Sebastian Jung ("Freiburg ist die erste Mannschaft, die verstanden hat, wie wir spielen") und Hannovers Mirko Slomka ("super taktische Einstellung") sind nicht die einzigen, die glauben, dass das etwas mit dem Trainer zu tun haben könnte.

"Einer von uns", sagen sie an der Dreisam und meinen dabei nicht primär Streichs schon oft beschriebenen Dialekt. Offensiver Fußball, junge, selbst ausgebildete Spieler - in Freiburg gibt es tatsächlich noch Zuschauer, die lieber verlieren, als auf die seit Volker Finkes Zeiten gewachsene Identität zu verzichten.

Streich ist einer, der zur Stadt Freiburg passt. Man muss schon von sehr weit zugereist sein, um aus der Tatsache, dass Streich mit dem Fahrrad zum Training fährt, die Headline "Deutschlands verrücktester Trainer" zu schmieden. In Freiburg ist Fahrradfahren in etwa so exotisch wie eine Ameise im Ameisenhaufen.

Kein Wunder, dass Streich nichts dagegen hat, dass die Streich-Geschichten seit einigen Monaten wieder realistischer ausfallen. Mancher Journalist will sogar schon beobachtet haben, der Mann sei ruhiger, gelassener geworden. "Herr Streich, sind Sie entspannter als früher?" "Weiß nicht." Ein ziemlich langes Zögern. "Mir ist die Anspannung hoch genug."

 

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Ultras verstehen sich als Avantgarde, schotten sich ab wie eine Geheimloge, eine Minderheit neigt zur Gewalt. Werden sie bald aus den Stadien verbannt? Bei kaum einem Verein treten sie so dominant auf wie beim 1. FC Köln.
erschienen im Spiegel, 37 / 2012


Die Fans, deren Ruf so schlecht ist, dass sie ihn nicht mehr zu verlieren haben, formieren sich vorm „Doping“, einer Bar in Köln, gut 500 Leute, es sind Ultras von der Wilden Horde, den Coloniacs und den Boyz, sie tragen FC-Trikots, rot-weiße Schals, sie schwenken Fahnen, trinken Bier, und dann marschieren sie zum Stadion, zur Südkurve. In ihr Revier. „FC! FC!“, rufen sie.

Der 1. FC Köln spielt an diesem Abend gegen St. Pauli, die Ordner tasten die Ultras am Eingang zur Arena ab, sie gucken in die Kapuzen der Sweatshirts und unter die Kappen. „Sollen die doch. Wenn wir wollen, kriegen wir jede Fackel rein“, sagt ein Ultra. Sein Leben widmet er dem FC, er richtet es nach dem Spielplan.

Sie stehen in den Blöcken S3 und S4, lassen ihre Schals über den Köpfen kreisen, sie singen „Mer jon met Dir wenn et sin muss durch et Füer“, wir geh’n mit dir, wenn es sein muss, durchs Feuer. Die Capos der Wilden Horde, die Wortführer, stehen unten am Zaun, einer trägt ein Megafon, die Capos geben die Lieder und Schlachtrufe vor. Die Ultras haken sich unter und hüpfen. Alle friedlich, alle brav.

In der Halbzeitpause sagt einer: „Viele Polizisten haben den Spaß am Prügeln ja schon im Blick. Und der Lange hat ganz liberal getan am Anfang, aber jetzt ist er einer wie alle anderen.“

Polizeioberrat Volker Lange kann die Sätze nicht hören, dafür kann er den Ultras bis aufs Zungenpiercing gucken: Er sitzt in Raum O+2.43, zweite Ebene Osttribüne, vor 13 Monitoren; 48 hochauflösende Kameras filmen, was vor und im Stadion passiert.

Seit zwei Jahren ist Lange für die Sicherheit im Kölner Stadion verantwortlich, er guckt jetzt auf einen der Bildschirme und sieht die Capos der Wilden Horde, die mit dem Rücken zum Spielfeld stehen, den Oberkörper ruckartig vor und zurück beugen und mit den Armen fuchteln. „Die sind pfiffig“, sagt Lange, „die würden nie im Stadion die Hand erheben.“

Einmal ist Lange schon von Ultras der Wilden Horde angegriffen worden, „aber ich bin nicht auf einem Rachefeldzug, ich mache meinen Job“.

Ultras begleiten jeden Verein, sie sind die auffälligste Gruppe unter den Fans, aber auch die umstrittenste. Ultras machen die Stimmung im Stadion, laut und bunt, und nach dem Abpfiff laufen die Spieler in die Kurve und klatschen, dankbar für die Unterstützung.

So sieht das aus, wenn es gut läuft. Ultras sind aber mehr als nur Kulisse, sie verstehen sich als Stachel im Fleisch des modernen Fußballs, als Gegenpol zum Kommerz. Es ist kein Zufall, dass sie Mitte der neunziger Jahre in Deutschland auftauchten, als aus Stadien Arenen wurden, mit Logen und Tiefgarage.

Alle Ultras berufen sich auf ein Manifest, sechs Gebote gibt es, eines lautet: „Ultras sollen mit den Ultras anderer Vereine zusammenarbeiten, um die Ware TV-Fußball unattraktiver zu machen.“ Ein anderes Gebot heißt: „Ultras sollen jeden unnötigen Kontakt oder jede Hilfe durch die Vereine oder die Polizei verweigern.“

Ultras haben ein diffuses Verhältnis zu Gewalt, eine Mehrheit toleriert, dass eine Minderheit zuschlägt. Der Fanforscher Martin Thein sagt, Gewalt stifte in gewissem Umfang auch die Identität der Ultras, und ihr sozialromantischer Glaube, Volkes Stimme zu sein, zeuge von einer Art Naivität.

Anfang März drängten Kölner Chaoten, darunter Ultras, einen Bus mit Mönchengladbach-Fans von der Autobahn, schlugen die Scheiben des Wagens ein und warfen mit Pflastersteinen, die in den Vereinsfarben des FC gestrichen waren. Die Polizei durchsuchte später 21 Wohnungen und das Quartier der Wilden Horde, stellte Sturmhauben sicher, Gaspistolen, Baseballschläger und bengalische Feuer. Am letzten Spieltag der vergangenen Saison, Köln traf zu Hause auf Bayern München, zündeten die Ultras Rauchbomben im Stadion und versuchten, den Platz zu stürmen.

So sieht das aus, wenn es schlecht läuft. Die Ultra-Bewegung steht am Scheideweg. Schaffen es die moderaten Ultras, von den gewaltbereiten Anhängern abzurücken? Oder durchmischen sie sich weiter mit den Schlägern?

Die Wilde Horde, gegründet 1996, hat rund 800 Mitglieder, zehn Prozent sollen zu Gewalt neigen. Ein Oberstaatsanwalt in Köln bezeichnete die Gruppe als mafiös, und der 1. FC Köln hat ihr den Status als Fanclub entzogen. Beim nächsten Zwischenfall wird die Wilde Horde ihren Platz im Stadion wohl räumen müssen. Das könnte der Anfang vom Ende für alle Ultras bedeuten.

Am Tag vor dem Spiel gegen St. Pauli sitzt Stephan Schell in einem Irish Pub am Alten Markt, auf seinen rechten Oberarm ist zentimetergroß das Wort Wilde eintätowiert, auf den linken das Wort Horde. Schell, 32 Jahre alt, breite Schultern und ein Brustkorb wie ein Fass, ist einer der zwei Capos. Neben ihm sitzt der andere, in Turnschuhen und Jogginghose, er heiße Tommy, sagt er.

Die Wilde Horde hat noch nie offen mit Journalisten gesprochen, die Gruppe schottet sich normalerweise ab wie eine Geheimloge. „Von uns erwartet man, dass wir dialogbereit sind und über unsere Fehler nachdenken. Tun das die Verbände oder die Polizei denn auch?“, fragt Schell. Mit dem Club und der Polizei sei kein Gespräch über Stadionverbote möglich. Solange es die Wilde Horde gebe, werde es keinen Kontakt zur Polizei geben.

„Wir haben mit organisierten Straftaten nichts zu tun“, sagt Schell dann und beginnt einen minutenlangen Monolog darüber, wie gefährlich die Zeit in deutschen Stadien vor den Ultras war, als noch die Hooligans regierten. Womit er recht hat.

Schell ist ein guter Rhetoriker, er erklärt, die Wilde Horde sei ein basisdemokratisch geführter Verbund, jede Entscheidung werde in der Gruppe getroffen, und man sammele Spenden für Jugendheime und Obdachlosenhäuser.

Er sitzt mittlerweile im Schneidersitz auf dem Stuhl, er macht in seiner Freizeit Yoga, interessiert sich für spirituelle Lebensformen. Und sagt: „Sich von Gewalt zu distanzieren ist Heuchelei.“ Zu oft komme es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei oder anderen Ultra-Gruppen.

Beim letzten Fankongress, im Januar in Berlin, diskutierten mehrere Ultra-Gruppen unter Ausschluss der Öffentlichkeit darüber, ob körperliche und seelische Gewalt zum Fußball gehören sollte. Sie konnten sich nicht einigen.

Die Wilde Horde vertritt in der Frage folgende Position: „Wir gehen selbstbewusst durchs Leben, sind aber nicht zwanghaft auf der Suche nach neuen Feinden“, sagt Tommy. Man wolle Gewalt nicht provozieren, könne aber einzelne Mitglieder nicht immer davon abhalten.

Schell sagt, niemand aus der aktiven Fanszene habe Kevin Pezzoni bedroht, jenen Spieler, der vor gut drei Wochen den Verein verließ, weil er sich von den Fans terrorisiert fühlte. Man habe dessen Spielweise nicht gemocht, „wir hätten ihm aber nie etwas angetan“.

Dann müssen die beiden los, sie wollen noch Flyer für das Spiel vorbereiten.

Die eigene Wahrnehmung der Wilden Horde und die Betrachtung von außen liegen weit auseinander. Schell und Tommy nervt es, dass die Ultras für alles verantwortlich gemacht werden und unter Generalverdacht stehen.

Zahlreiche Versuche waren nötig, bis sich ein Spieler, der in der vergangenen Saison noch für Köln auf dem Platz stand, bereit erklärte, über die Ultras zu reden. Er möchte seinen Namen nicht publik machen, als Treffpunkt schlägt er ein Bäckerei-Café vor, morgens um kurz vor zehn. Er erzählt, wie 200 Ultras nach der Niederlage Ende März in Augsburg am Geißbockheim aus den Büschen sprangen und den Mannschaftsbus umzingelten. Harmlos sei das noch gewesen. „Die wollten nur, dass wir uns beleidigen lassen.“

Dann die nächste Auswärtspleite in Mainz, die Ultras belagerten wieder das Clubhaus, sie warteten auch vor dem Sta dion in Müngersdorf auf die Rückkehr ihrer Versager. Die Spieler stiegen vorsichtshalber an einem Hotel in der Innenstadt aus dem Bus, aber auch dort kamen die Ultras hin. Wieder Flüche, Schmähungen, Wut. „Sowas ist Normalität inzwischen, wenn ein Verein am Abgrund steht. Die Fans suchen einen Schuldigen.“

Dass Problem in Köln sei aber, sagt er, dass die Ultras nur Extreme kennen würden. „Lukas Podolski war für die heiliger als der Dom.“ In dem Maße, in dem sie Podolski vergöttert hätten, hätten sie andere Spieler beleidigt.

Nach dem Spiel gegen München war Köln abgestiegen und die Angst vor den Ultras so groß, dass der Verteidiger Christian Eichner das Stadion im Auto seiner Eltern verließ: Er lag im Kofferraum. Unter den Spielern machte das Gerücht die Runde, die Ultras hätten eine Liste mit ihren Adressen. Der anonyme Spieler sagt: „Ich saß zu Hause mit meiner Freundin und habe überlegt, was ich tun soll.“ Erst habe er noch an Abhauen gedacht, sich aber dann doch entschlossen zu bleiben. „Ich sagte mir: Sollen sie doch kommen. Sollen sie doch klingeln. Ich mache die Tür auf. Sollen sie mir halt eins auf die Fresse hauen.“ Er war es leid. „Ich weiß, dass man dagegen schwer etwas machen kann. Was willst du auch tun?“

Er habe im Prinzip nichts gegen Ultras, „man liegt sich nach einem Sieg ja auch mit ihnen in den Armen. Und, ganz ehrlich: Die Gesänge und die Leuchtraketen – ich finde das geil. Besser auf alle Fälle als so ein Theaterpublikum wie in Hoffenheim oder Wolfsburg.“

Christian Eichner kommt gerade vom Training, auf seiner Stirn kleben feuchte Haare. Man würde mit ihm gern über die Vorfälle in der abgelaufenen Saison reden, aber er winkt ab. Er sagt, ein neues Kapitel habe begonnen, nur soviel: „Ich glaube nicht, dass die einem Spieler der eigenen Mannschaft eine reinhauen.“

Im Moment sei das Verhältnis zu den Ultras gut, sagt Eichner noch, sie würden die Mannschaft unterstützen, weil sie sähen, dass jeder kämpfe, sich reinhänge.

An einem Dienstag haben die Ultras der Coloniacs zu einer Infoveranstaltung eingeladen, es geht um das Thema „Fanrechte“, etwa 70 Leute sind in den Gereonswall gekommen, ins Kölner Fanprojekt, ein sozialpädagogisches Zentrum für Fans des FC. Mehr Männer als Frauen sitzen auf Sofas, Stühlen, Tischen, sie sind jung, geschätzt zwischen 16 und 30, Raspelhaarige sind dabei, aber auch Rastalocken und Seitenscheitel. An der Wand hängen zwei Trikots des FC mit den Autogrammen der Spieler, hinten in der Ecke steht ein Kickerautomat, und vorne am Pult ein Anwalt. „Ich gucke in viele bekannte Gesichter“, sagt er zu Beginn. „Vielleicht, weil hier viele Straftäter im Raum sind. Vielleicht, weil ich oft in den einschlägigen Kneipen rumtorkele.“

Ein Fan möchte wissen, ob er zur Polizei muss, wenn er eine Vorladung hat, ein anderer, wann man wieder aus der Datei „Gewalttäter Sport“ gelöscht wird. „Fünf Jahre nach dem letzten Eintrag“, sagt der Anwalt.

Gibt es Fristen in einem Ermittlungsverfahren? „Nein!“

Darf ich ein T-Shirt mit der Aufschrift „ACAB“ tragen, der Abkürzung für „All Cops Are Bastards“? „Wegen so etwas gibt’s kein Stadionverbot.“

Zwei Stunden lang Fragen und Antworten, der Ton ist sachlich, wie in einem juristischen Proseminar.

Als die Ultras ihre Taschen packen, sagt der Anwalt, es gebe keinen öffentlichen Bereich, der sicherer sei als Fußballstadien. „Ich weiß nicht, ob die Ultras wirklich Spatzen sind, aber es wird definitiv mit der Kanone auf sie geschossen.“ Eine ziemlich selektive Wahrnehmung.

Alle paar Monate treffen sich die Anführer der Ultra-Gruppen mit den Leuten vom Fanprojekt, aber die können auch nicht mehr tun, als Denkanstöße zu geben. Was sie versuchen: Sie wollen die jungen Ultras beeinflussen, die Neulinge, die noch formbar sind. Sie haben mit dem Nachwuchs der Ultras die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besucht, sie waren mit ihnen im NS-Dokumentationszentrum, sie wollen ihr Vertrauen erlangen und ihren Umgang mit Gewalt ändern. Messen lässt sich der Erfolg nicht.

In der Geschäftsstelle des FC sitzen Rainer Mendel, Fanbeauftragter seit 1989, und Thomas Schönig, Richter am Amtsgericht Geilenkirchen. Die beiden arbeiten für den Club seit Ende August mit Wissenschaftlern der Universität Hannover zusammen, um die Fronten zwischen Ultras, Polizei und Club aufzubrechen.

Schönig, ein kleiner, fröhlicher Mann mit Brille, sagt: „Wir brauchen Hilfe, um die Ultras verstehen zu können: Was sind das für Leute? Was passiert da? Was treibt die an? Warum sind die so? Und die Ultras brauchen auch Hilfe, damit sie verstehen, was ihr Tun bewirkt.“ Er lese gerade viel Fachliteratur zum Thema. Mendel nickt.

Sie sind ahnungslos beim Verein, weil sie die Befindlichkeiten der Ultras zu lange nicht ernst genommen haben. Unter dem alten Präsidenten, unter Wolfgang Overath, der im November 2011 zurücktrat, hat es in sieben Jahren zwei Treffen mit den Ultras gegeben. Zwei. Es gibt viel nachzuholen.

Schönig sagt, man brauche keine Task-Force, die Fanbrände lösche, es gehe darum, gegenseitiges Vertrauen herzustellen. Mendel und er haben mit Soziologen und Politologen gesprochen, sie haben auch schon ein paar mal mit Vertretern der Ultras und anderer Fanclubs zusammengesessen, mit dabei war Wolfgang Bosbach, der CDU-Bundestagsabgeordnete. Bosbach hat die Aufgabe, den Ultras zu erklären, wie die Politiker sie so sehen. In Mendels Worten: „Warum sind die auf dem Baum? Warum denken die darüber nach, Stehplätze zu verbieten?“

Mendel und Schönig wollen nicht erzählen, wie die Sitzungen gelaufen sind, das können sie auch nicht, weil sie wissen, dass die Ultras das Projekt sofort platzen ließen.

Das Verhältnis zwischen Verein und den Ultras zu verbessern, Vorbehalte auszuräumen, die Ultras zu integrieren, das sei eine langwierige Angelegenheit, sagt Schönig, „das macht man nicht mal eben bei fünf Bier und einer Bratwurst“. Mendel nickt wieder.

Mit der Werbebande am Trainingsplatz, auf der eines Morgens im April 2011 stand „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“, hätten die Ultras nichts zu tun, sagt Mendel, es sei auch nicht so, dass die Gewalt der Ultras zugenommen habe. Nur die Qualität habe sich verändert. Daher könne auch jetzt keine Rede sein vom Kuschelkurs. „Es bleibt dabei: Straftaten dulden wir nicht. Decken wir nicht. Zeigen wir selbst an.“

Es wird noch dauern, bis auch ein Polizist an den Gesprächen zwischen den Wissenschaftlern und Ultras teilnimmt, „das ist erst die nächste Stufe“, sagt Mendel. „Wir müssen da sensibel vorgehen.“

Im Büro von Volker Lange, Leiter der Polizeiinspektion Köln-West, liegt ein „Kicker“ auf dem Tisch, daneben das Buch „Ultras im Abseits?“. Lange ist 51, er hat einen mächtigen Bauch und redet gern, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Seit 34 Jahren ist er Polizist, er war beim Castor-Transport in Gorleben und zum 1. Mai in Berlin. Lange ist leidenschaftlicher Fußballfan, sein erstes Derby hat er 1977 gesehen, in England, Sunderland gegen Newcastle.

Als er sein Amt antrat, hat er alle Capos angeschrieben: Ob man sich mal treffen könne, er würde sich gern vorstellen. Die Ultras wollten nicht. „Ich bin penetrant kommunikativ. Aber die Hand, die man reicht, kann auch zur Faust werden“, sagt Lange. „Es ist ganz einfach: keine Straftaten – kein Problem.“

Vier szenekundige Beamte, die die Fans beobachten, sind für ihn im Einsatz. „Hooligans sind mir lieber als Ultras“, sagt Lange, „Hooligans haben Respekt. Ultras nicht. Die labern nicht mit Bullen.“

Neben Lange sitzt sein Stellvertreter, Ralf Remmert. Als Ultras der Wilden Horde im Februar 2011 auf einem Parkplatz hinter dem Stadion auf die zwei losgingen, bekam Lange einen Schlag in den Nacken, Remmert brachten sie zu Fall. „Und dann sind sie auf ihm rumgesprungen, als wollten sie ein Feuer austreten“, sagt Lange. Remmert ergänzt: „Ich dachte, mir geht es wie Daniel Nivel.“ Nivel ist ein französischer Polizist, den deutsche Hooligans bei der WM 1998 in Lens fast zu Tode geprügelt hatten.

Das Kölner Amtsgericht sprach im Juli zwei Angeklagte der Wilden Horde frei. „Ich konnte nicht sagen, welcher Fuß zu wem gehört“, sagt Remmert. „Der Rechtsstaat hat gesiegt. Ich kann da gut mit umgehen.“

Lange holt ein Foto aus der Schublade, es zeigt Lukas Podolski, er steht am Zaun der Südkurve und jubelt mit Ultras. „Der Mann links: geboren 1987, Körperverletzung, Stadionverbot, Gewalttäter Sport. Der Mann rechts: geboren 1989, Körperverletzung, Widerstand gegen die Polizei, Gewalttäter Sport.“

Podolski ist als Sympathisant der Wilden Horde bekannt, er hat mit einer Kapitänsbinde gespielt, die ihm die Ultras überreichten, und er hat ihre Fahne geschwenkt auf dem Platz.

Lange zeigt nun ein Video auf dem Laptop, es sind Bilder einer Stadionkamera in Gelsenkirchen, 13. August 2011, 7.03 Uhr, „die Sache mit dem Nudelwasser“, sagt Lange. Zu sehen ist, wie ein Ultra in einen Bierbecher pinkelt und den Capo fragt, wo er den Becher hinwerfen soll. Er trifft eine Frau im Nebenblock.

Lange sagt, vor dem Bayern-Spiel im Mai habe er erfahren, die Polizei müsse mit einem Platzsturm rechnen. Er habe dann ausrichten lassen, er werde seine Leute an der 16-Meter-Linie aufstellen. „Und wer bis dahin kommt, der fällt. Das ist wie bei der Kinder- und Hundeerziehung: Man muss Grenzen aufzeigen.“

Damals gab es im Stadion Szenenapplaus für die Polizei und Sprechchöre aus dem Oberrang, „nie mehr Wilde Horde“. Lange sagt: „Dieser Aufstand der Anständigen hat die Wilde Horde ins Mark getroffen, das war ein Wirkungstreffer.“

Er klingt glaubwürdig, wenn er sagt, er wolle den Ultras nichts Böses, er schätze die Choreografie der Masse und sei für den Erhalt von Stehplätzen. Es ist eher so, dass er an der mangelnden Einsicht verzweifelt. Und an der Tatsache, dass Ultras Solidarität über Vernunft stellen.

Es habe sich mal eine Mutter bei ihm gemeldet, deren Sohn bei den Ultras sei, erzählt Lange. Sie wollte wissen, was sie machen könne. Lange sagte, sie solle ihrem Jungen ausrichten, bei Randale langsam bis zehn zu zählen und zu überlegen, ob es eine gute Idee sei, mit der Truppe mitzurennen. „Der Sohn hat geantwortet: Mama, wenn ich bis zehn zähle, sind die anderen schon 30 Meter weiter. Schwarmverhalten, ganz typisch.“ Lange erzählt die Geschichte wie einen Witz, findet sie aber nicht lustig, sondern traurig.

Lange sagt, an ihm solle ein Frieden mit den Ultras nicht scheitern. Aber es geht nicht zusammen. Polizei und Ultras, das ist wie Wasser und Öl.

Drei Mitglieder der Coloniacs sitzen im „Früh em Veedel“, trinken Kölsch und erzählen, die Polizei lasse sie manchmal nicht auf die Toilette gehen, sie müssten wild pinkeln und dafür dann Strafe zahlen. „Willkür“, sagt einer. Die Ultras bleiben namenlos, „weil wir noch einen Beruf haben wollen“.

Die Coloniacs sind eine Abspaltung der Wilden Horde und gelten als politisch links, 65 Mitglieder, Freunde der Pyrotechnik, kaum Körperverletzung.

Sie legen Wert darauf, nicht als die netten Ultras beschrieben zu werden, nur weil sie Amnesty International unterstützen und meinen, dass „Schwuchtel“ kein legitimes Schimpfwort ist. Sie sind gegen Vandalismus in Zügen, sprühen aber gern Graffiti. Auch die Coloniacs distanzieren sich nicht nachdrücklich von Gewalt, „Gewalt ist in Teilen ein legitimes Mittel, als Drohung“. Etwa wenn die Ordner ihnen nicht gestatten würden, Fahnen und Banner im Stadion zu benutzen.

Die Initiative des FC halten sie für einen Schritt in die richtige Richtung, „man soll nicht über uns reden, sondern mit uns“. Es sei anstrengend, als Ultra immer nur auf den Aspekt „Gewalt“ reduziert zu werden. „Es ist fünf vor zwölf. Wir müssen es schaffen, dass wieder über die Ästhetik in der Kurve gesprochen wird, über die Freude. Das martialische Gehabe ist ein Problem. Wir treten nicht als schwarzer Block auf, wir kleiden uns farbenfroh. Ultra, das steht auch für Kreativität, für Entfaltung und Weltoffenheit.“

Die Ultra-Bewegung kenne keine sozialen Zwänge, wo sonst würde die 17-jährige Tochter einer Akademikerfamilie etwas mit einem zahnlosen Sozialhilfeempfänger unternehmen? „Nicht auf dem Oktoberfest, und da knallt es zehnmal so oft wie beim Fußball.“

Die Bilanz der Polizei nach dem Spiel des FC gegen St. Pauli: vier Strafanzeigen, Verstoß gegen das Waffengesetz, unberechtigter Zugang, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, gefährliche Körperverletzung. Dann gingen noch zehn Kölner gegen zwei Hamburger zu Werke, die in einem Auto saßen, Sachbeschädigung, Verletzungen, Raub. Ultras waren wohl nicht beteiligt.

„Alles vergleichsweise ruhig“, sagt Volker Lange.

Die Stimmung im Stadion war fantastisch, 90 Minuten Gesang. Trotz null-null.

von RAFAEL BUSCHMANN, MAIK GROSSEKATHÖFER, CHRISTOPH RUF

 

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In Deutschland wird um die Sicherheit im Fussball gestritten.
erschienen am 12. Dez 2012 im Tages-Anzeiger


Heute fällt die Liga einen wegweisenden Entscheid – doch der nahende Wahlkampf trägt nicht zur Versachlichung der Debatte bei.

12 Minuten und 12 Sekunden dauerte der Schweigeprotest. Analog zum heutigen Datum, dem 12. Dezember – dem Tag, an dem der Massnahmenkatalog «Sicheres Stadionerlebnis» verabschiedet werden soll. Drei Spieltage lang veranschaulichten die Fankurven in der ersten und zweiten Bundesliga so, welche Stimmung herrschen würde, wenn die aktive Fanszene aus den Stadien geekelt würde. Davon, dass genau das das eigentliche Ziel der deutschen Fussballfunktionäre ist, sind die meisten Ultras fest überzeugt.

Doch wenn heute die Vertreter der 36 Erst- und Zweitligisten in einem Frankfurter Hotel zusammenkommen, geht es nicht um drakonische Massnahmen. Zur Abstimmung steht vielmehr ein von der Deutschen Fussball Liga (DFL) erarbeitetes Papier, dessen ursprüngliche Fassung nach heftigen Protesten überarbeitet wurde. Die meisten Delegierten der Vereine und Kapitalgesellschaften werden wohl zustimmen – einige andere (etwa Union Berlin, St. Pauli, Stuttgart) sehen bei einzelnen der insgesamt 16 Unterpunkte Diskussionsbedarf.

Kontrolle bis zur Unterhose

Strittig sind vor allem die Massnahmen bei den Eingangskontrollen sowie die Möglichkeit, die Kartenkontingente für Auswärtsfans zu begrenzen. Das alles, betonen DFL-Vertreter, seien aber reine «Gebrauchsanweisungen» für die Vereine, keine Vorgaben, diese auch durchzuführen. «Ein Automatismus, wonach Fangruppierungen in ihrer Gesamtheit bei Fehlverhalten Einzelner bestraft werden, war und ist nicht vorgesehen», betont die DFL in einer Pressemitteilung.

Noch höhere Wogen hat das vermeintliche Vorhaben geschlagen, die DFL wolle künftig «Vollkontrollen» vorschreiben. Fans müssten dann Kontrollen des Intimbereichs zulassen. Das, sagt der Hamburger Ultra Philipp Markhardt, sei eine demütigende Massnahme, die von der Szene als Provokation aufgefasst würde: «Man zieht da vielleicht ein paar Bengalfackeln raus, hat dafür aber ein paar Dutzend richtig wütende Fans. Ich frage mich, was damit gewonnen sein soll.»

Doch diese «Vollkontrollen» finden längst statt – bislang nur in seltenen Ausnahmefällen. Beim Spiel Bayern München gegen Eintracht Frankfurt wurden viele Gästefans durch ein separates Zelt geschleust, in dem sie sich bis auf die Unterhose ausziehen mussten. Das löste einen Sturm der Entrüstung aus, an dem sich auch Politiker von SPD, Grünen und Linken sowie Menschenrechtsorganisationen beteiligten.

m Sicherheitspapier soll nun festgeschrieben werden, wer diese Kontrollen im Bedarfsfall durchführen soll. Doch egal, ob das nun geschulte Ordner sein werden (DFL-Papier) oder Polizeivertreter, wie die opponierenden Vereine fordern – in Frankfurt legt man Wert darauf, dass der Verband nicht die Kontrollen vorschreibt, sondern lediglich deren Durchführung regelt. «Wir wollen ja gerade weg von den Kollektivstrafen», sagt DFL-Vizepräsident Peter Peters. Und Axel Hellmann, der als Vertreter von Eintracht Frankfurt ebenfalls in der Kommission sass, die das Papier ausarbeitete, ergänzt im Interview mit der «Frankfurter Rundschau», es handle sich um keine «Standard-Sanktionsmassnahme, die die DFL den Vereinen vorschreiben könnte.» Das hätte man «von vorneherein besser kommunizieren müssen».

Man kann sich gut vorstellen, dass solche Aussagen bei der DFL nicht gut ankommen. Dort hört man, dass auffallend viele Vereinsvertreter, die sich nun als Sachwalter der Faninteressen gerierten, bei der internen Beratung keine Einwände gegen den ersten Entwurf gehabt hätten.

Tatsächlich enthält das überarbeitete Papier einiges, das auch viele Ultras gutheissen müssten. So sollen die Ordnungsdienste zertifiziert werden und ein regelmässiger Dialog mit Fanvertretern vorgeschrieben werden. Gerade an den Ordnungsdiensten hatte sich regelmässig Kritik entzündet. Oft provozierten sie, statt zu deeskalieren, heisst es in Fankreisen. Mancherorts wundern sich Vereinsvertreter, dass laut Stadionordnung verbotene Kleidermarken wie die in der rechten Szene beliebten Thor-Steinar-Pullis immer wieder im Stadion auftauchen. Bis sie merken, dass auch mancher Ordner bei der Einlasskontrolle zur rechten Szene gehört.

Ein Papier gegen die Fankultur?

Warum dann also die Aufregung? Michael Gabriel, Leiter der Koordinierungsstelle der Fanprojekte (KOS) hätte da eine Erklärung: «Das Papier wird als Symbol gesehen», sagt er. «Viele Stadiongänger haben den Eindruck, dass ihre Fankultur nicht mehr erwünscht ist.» Allerdings hätten die Verbände in

den vergangenen Wochen dazugelernt. «Viele Signale sind angekommen.» Auch bei vielen Vereinen werde der Dialog mit den Fans wieder ernster genommen. «In dieser Entwicklung sehe ich grosses Potenzial, zumal überall dort, wo Vertrauen aufgebaut wurde, die Fronten aufweichen.»

Das mag zutreffen. Doch auch die Fans müssen sich hinterfragen. Die Antihaltung der allermeisten Ultragruppen gegenüber Polizei und Verbänden ist Teil ihrer kollektiven Identität. Vielen scheint ein Fussballnachmittag ohne anschliessende Konfrontation mit der Polizei zu langweilig zu sein. Die Verweigerungshaltung und manch gebrochene Zusage frustriert vor Ort auch Polizeivertreter, die sich für Kommunikation und gegen verschärfte Repression aussprechen.

So oder so: Die Debatte ist aufgeheizt. Und das, obwohl sich Fussballmanager, Fans und Polizisten meist einig darin sind, dass der deutsche Fussball allenfalls weit weg von den Stadien ein Gewaltproblem hat – in Zügen, bei verbredeten Scharmützeln in Industriegebieten. In den Stadien bleibt es hingegen – auch dank der ausgefeilten Überwachungstechnologie – friedlich. Keine Prügeleien, keine Körperverletzungen.

Die offenen Worte des Ligachefs

Wenn der viel beschworene «Otto Normalverbraucher» genau den gegenteiligen Eindruck hat, liegt das an einer gut eingespielten Allianz aus Boulevardmedien und einigen Innenpolitikern, die sich mit drastischeren Forderungen zu profilieren suchen. Dabei tun sich parteiübergreifend Landesinnenminister wie Ralf Jäger (SPD) aus Nordrhein Westfalen oder Lorenz Caffier (CDU) aus Mecklenburg-Vorpommern hervor. Das muss kein Zufall sein. Im kommenden Jahr wird ein neuer Bundestag gewählt.

Dass die zur Diskussion stehenden Massnahmen nicht zuletzt das Ziel haben, weit drakonischere Vorgaben aus der Politik zu vermeiden, gibt Ligapräsident Reinhard Rauball erstaunlich offen zu. «Es geht auch um die Abwehr von Angriffen aus der Politik.»

 

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Ultra-Fehde bei Alemannia, 26. Jan 2012, Spiegel Online


Der neue Trainer des SC Freiburg debütiert ausgerechnet beim Duell des Letzten gegen den Vorletzten Augsburg. Und erklärt, warum die Millionen aus dem Cissé-Transfer nicht unbedingt reinvestiert werden.

Auch die Beschwörungen aus der Fankurve («Papiss, du bist ein Freiburger!») waren umsonst: Papiss Demba Cissé wird anno 2012 nur noch einmal nach Freiburg kommen. Er wird dann seine Siebensachen packen und eilig den nächsten Flieger Richtung Nordengland besteigen, wo er ab Februar seine Tore für den Newcastle United schiessen wird.

Das ist sicher kein Vorteil für den SC Freiburg, derzeit auf dem letzten Platz der deutschen Bundesliga liegend. Und nun ist zum Rückrundenstart am Samstag ausgerechnet der FC Augsburg zu Gast. Dessen Vereinsphilosophie ähnelt jener der Breisgauer zum Verwechseln, aber die Augsburger weisen einen entscheidenden Vorteil auf: Sie haben zwei Punkte mehr auf dem Konto, belegen damit nur den vorletzten Platz und können es sich leisten, vor dem Abstiegsduell via «kicker» ein wenig lauter auf die Trommel zu schlagen: «Wenn man zu Hause gegen den Vorletzten nicht gewinnt», stichelt FCA-Manager Andreas Rettig in Richtung Freiburg, «gegen wen dann?»

Der neue SC-Trainer Christian Streich beantwortete diese rhetorische Frage nur indirekt: Nein, «ein Endspiel» sei die Begegnung nicht. Sein Credo – Kommunikation ist im Fussball ein entscheidender Faktor – gilt ja auch eher für die Mannschaftsführung als für die Aussendarstellung. Bei der tritt das SC-Urgestein ähnlich bescheiden auf wie seine Vorgänger Marcus Sorg und Robin Dutt.

Es ist «etwas in Gang gekommen»

Aus dem Winter-Trainingslager ist der SC-Tross dennoch mit erkennbar breiterer Brust zurückgekommen. Mittelfeldmann Julian Schuster, der nach dem erzwungenen Weggang von Heiko Butscher, zum Kapitän gewählt wurde, berichtet, im fernen Andalusien sei «etwas in Gang gekommen.» Der neue Coach verstehe es zu «begeistern».

Streich, der von Sommer an als Assistent des kurz vor Silvester geschassten Marcus Sorg tätig war und zuvor seit 1995 als Jugendtrainer und Leiter der «Fussballschule» arbeitete, mag diese Vergleiche nicht. Aber auch er zieht eine positive Bilanz des Trainingslagers: «Alle haben mitgezogen, waren konzentriert und motiviert. Es muss sich aber erst noch zeigen, was das für den Start in die Rückrunde heisst.» Zumal der Club auch atmosphärisch auf dünnem Eis wandelt.

Schon vor den Turbulenzen der Winterpause gellten immer wieder Pfiffe durchs Stadion. Sollten die nächsten beiden Spiele gegen Augsburg und Mainz verloren gehen, dürfte es bei Heimspielen nicht gemütlicher werden. Zumal mancher Fan nicht verstehen mag, warum unter den sechs Spielern, denen der SC kurz vor Weihnachten den Stuhl vor die Tür setzte, mit Heiko Butscher auch die Identifikationsfigur des Clubs war.

Konkurrenz für Beg Ferati

Immerhin konnten die beiden Planstellen in der Defensive im Winter neu besetzt werden. Der Däne Michael Lumb wurde von Zenit St. Petersburg ausgeliehen, er soll Felix Bastians Platz auf der linken Aussenbahn übernehmen. In der Innenverteidigung dürfte morgen Fallou Diagné (FC Metz) debütieren, der seine Stärken da haben soll, wo die Schwächen der Stammbesetzung (Oliver Barth, Pavel Krmas) liegen: In der Spieleröffnung und in der Grundschnelligkeit. Diagné ist ein weiterer Konkurrent für den Basler Beg Ferati, der auf mehr Einsatzminuten in der Innenverteidigung hofft.

Mitte der Woche gesellte sich noch Sebastian Freis hinzu, der aus Köln kam und aus gutem Grund betont, er sei in keinerlei Hinsicht ein Cissé-Nachfolger. Auch der Transfer des Defensivallrounders Karim Guédé, von dem sich Slovan Bratislava nur schwer trennen wollte, ist mittlerweile in trockenen Tüchern.

Cissé-Nachfolger auf Vorrat verpflichtet

Ein Ersatz für Cissé soll übrigens nicht auf Teufel komm heraus gesucht werden. «Wir schauen uns um», sagte Streich. Aber man werde keinen Spieler verpflichten, der das Gehaltsgefüge sprenge; lieber vertraue man auf die vier Stürmer, die bereits im Kader sind. Zumal mit Garra Dembélé bereits im Sommer für rund drei Millionen Franken ein Cissé-Nachfolger sozusagen auf Vorrat verpflichtet worden ist.

Auch der Etat des FC Augsburg ist – genau wie der des SC Freiburg – deutlich niedriger als der manches ambitionierten Zweitligisten. Auch die Augsburger widerstanden der Versuchung, im Winter teure Transfers zu tätigen. «Es ist wichtig, dass der Verein nicht nur auf heute oder morgen schaut», sagte Augsburgs Trainer Jos Luhukay der TagesWoche. «Natürlich wollen wir auch in der kommenden Saison in der Bundesliga spielen. Aber wenn es wieder einen Schritt zurückgeht, müssen wir in der Lage sein, sofort wieder aufzusteigen.»

Als der Freiburger Christian Streich mit diesem Satz konfrontiert wird, lächelt er: «Das ist ein sehr vernünftiger Ansatz. So sollte man das angehen.»

Zwei Clubs - Eine Philosophie open.png

20. Jan. 2012, Tageswoche.ch


Der neue Trainer des SC Freiburg debütiert ausgerechnet beim Duell des Letzten gegen den Vorletzten Augsburg. Und erklärt, warum die Millionen aus dem Cissé-Transfer nicht unbedingt reinvestiert werden.

Auch die Beschwörungen aus der Fankurve («Papiss, du bist ein Freiburger!») waren umsonst: Papiss Demba Cissé wird anno 2012 nur noch einmal nach Freiburg kommen. Er wird dann seine Siebensachen packen und eilig den nächsten Flieger Richtung Nordengland besteigen, wo er ab Februar seine Tore für den Newcastle United schiessen wird.

Das ist sicher kein Vorteil für den SC Freiburg, derzeit auf dem letzten Platz der deutschen Bundesliga liegend. Und nun ist zum Rückrundenstart am Samstag ausgerechnet der FC Augsburg zu Gast. Dessen Vereinsphilosophie ähnelt jener der Breisgauer zum Verwechseln, aber die Augsburger weisen einen entscheidenden Vorteil auf: Sie haben zwei Punkte mehr auf dem Konto, belegen damit nur den vorletzten Platz und können es sich leisten, vor dem Abstiegsduell via «kicker» ein wenig lauter auf die Trommel zu schlagen: «Wenn man zu Hause gegen den Vorletzten nicht gewinnt», stichelt FCA-Manager Andreas Rettig in Richtung Freiburg, «gegen wen dann?»

Der neue SC-Trainer Christian Streich beantwortete diese rhetorische Frage nur indirekt: Nein, «ein Endspiel» sei die Begegnung nicht. Sein Credo – Kommunikation ist im Fussball ein entscheidender Faktor – gilt ja auch eher für die Mannschaftsführung als für die Aussendarstellung. Bei der tritt das SC-Urgestein ähnlich bescheiden auf wie seine Vorgänger Marcus Sorg und Robin Dutt.

Es ist «etwas in Gang gekommen»

Aus dem Winter-Trainingslager ist der SC-Tross dennoch mit erkennbar breiterer Brust zurückgekommen. Mittelfeldmann Julian Schuster, der nach dem erzwungenen Weggang von Heiko Butscher, zum Kapitän gewählt wurde, berichtet, im fernen Andalusien sei «etwas in Gang gekommen.» Der neue Coach verstehe es zu «begeistern».

Streich, der von Sommer an als Assistent des kurz vor Silvester geschassten Marcus Sorg tätig war und zuvor seit 1995 als Jugendtrainer und Leiter der «Fussballschule» arbeitete, mag diese Vergleiche nicht. Aber auch er zieht eine positive Bilanz des Trainingslagers: «Alle haben mitgezogen, waren konzentriert und motiviert. Es muss sich aber erst noch zeigen, was das für den Start in die Rückrunde heisst.» Zumal der Club auch atmosphärisch auf dünnem Eis wandelt.

Schon vor den Turbulenzen der Winterpause gellten immer wieder Pfiffe durchs Stadion. Sollten die nächsten beiden Spiele gegen Augsburg und Mainz verloren gehen, dürfte es bei Heimspielen nicht gemütlicher werden. Zumal mancher Fan nicht verstehen mag, warum unter den sechs Spielern, denen der SC kurz vor Weihnachten den Stuhl vor die Tür setzte, mit Heiko Butscher auch die Identifikationsfigur des Clubs war.

Konkurrenz für Beg Ferati

Immerhin konnten die beiden Planstellen in der Defensive im Winter neu besetzt werden. Der Däne Michael Lumb wurde von Zenit St. Petersburg ausgeliehen, er soll Felix Bastians Platz auf der linken Aussenbahn übernehmen. In der Innenverteidigung dürfte morgen Fallou Diagné (FC Metz) debütieren, der seine Stärken da haben soll, wo die Schwächen der Stammbesetzung (Oliver Barth, Pavel Krmas) liegen: In der Spieleröffnung und in der Grundschnelligkeit. Diagné ist ein weiterer Konkurrent für den Basler Beg Ferati, der auf mehr Einsatzminuten in der Innenverteidigung hofft.

Mitte der Woche gesellte sich noch Sebastian Freis hinzu, der aus Köln kam und aus gutem Grund betont, er sei in keinerlei Hinsicht ein Cissé-Nachfolger. Auch der Transfer des Defensivallrounders Karim Guédé, von dem sich Slovan Bratislava nur schwer trennen wollte, ist mittlerweile in trockenen Tüchern.

Cissé-Nachfolger auf Vorrat verpflichtet

Ein Ersatz für Cissé soll übrigens nicht auf Teufel komm heraus gesucht werden. «Wir schauen uns um», sagte Streich. Aber man werde keinen Spieler verpflichten, der das Gehaltsgefüge sprenge; lieber vertraue man auf die vier Stürmer, die bereits im Kader sind. Zumal mit Garra Dembélé bereits im Sommer für rund drei Millionen Franken ein Cissé-Nachfolger sozusagen auf Vorrat verpflichtet worden ist.

Auch der Etat des FC Augsburg ist – genau wie der des SC Freiburg – deutlich niedriger als der manches ambitionierten Zweitligisten. Auch die Augsburger widerstanden der Versuchung, im Winter teure Transfers zu tätigen. «Es ist wichtig, dass der Verein nicht nur auf heute oder morgen schaut», sagte Augsburgs Trainer Jos Luhukay der TagesWoche. «Natürlich wollen wir auch in der kommenden Saison in der Bundesliga spielen. Aber wenn es wieder einen Schritt zurückgeht, müssen wir in der Lage sein, sofort wieder aufzusteigen.»

Als der Freiburger Christian Streich mit diesem Satz konfrontiert wird, lächelt er: «Das ist ein sehr vernünftiger Ansatz. So sollte man das angehen.»

Alles außer Pyro open.png

Kongress der Fußball-Fans, 15. Jan. 2012, süddeutsche.de


"Wir können über alles reden, nur nicht über dieses Thema." Vertreter der Fußball-Verbände DFB und DFL erklären während des Berliner Fankongresses die Debatte um erlaubte Pyrotechnik im Stadion für beendet. Ob das hilft? Die Fans kritisieren vor allem die Medien, Amnesty International die Polizei.

Vorige Woche hat der DFL-Geschäftsführer einen schönen Vergleich gefunden, um die Haltung der Verbände zum Herzensthema der Ultras zu verdeutlichen. Eine Fan-Initiative wollte zuletzt das verbotene Abbrennen von Pyro-Fackeln als Vertrauensvorschuss aussetzen, um Gesprächen über die Einrichtung von Pyrozonen zu erleichtern. Im Gegenzug sollte auf das wilde Abbrennen in anderen Stadionbereichen verzichtet werden.

Diese Idee hält Hieronymus noch im Nachhinein für verquer. "In den Innenstädten herrscht eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Wenn einer verspricht, dass er vier Monate lang darauf verzichtet, 120 km/h zu fahren, ist das auch keine akzeptable Verhandlungsbasis."

Die Argumentation ist nicht unlogisch, aber etwas konservativ. Schließlich hat das Beharren auf Vorschriften das Abbrennen der Pyros bisher auch nicht verhindern können. Und auch, wenn es anmaßend von den Ultras ist, die Stadionordnung bei Bedarf als für sie nicht gültig zu betrachten - die Verletzungen entstehen wohl wirklich vor allem deshalb, weil die bis zu 2000 Grad heißen Fackeln in den voll besetzten Kurven auf Hüfthöhe gezündet werden, um den Videokameras zu entgehen.

Um im Bild zu bleiben, könnte man auch so argumentieren: Wenn selbst die klarste Gesetzeslage nicht verhindern kann, dass Autofahrer rasen, sollte man über ein Angebot nachdenken, das nur dann zu tun, wenn keine Kinder unterwegs sind.

Die Gespräche darüber sind aber definitiv beendet, wie alle Vertreter von DFB und DFL beim ersten von der Fanszene organisierten Fankongress in Berlin erneut betonten. "Wir können über alles reden", sagte Hieronymus, "nur nicht über dieses Thema." Bei allem guten Willen auf beiden Seiten fehlte der mit 500 Fans gut besuchten Zusammenkunft daher das identitätsstiftende Thema. Es blieb beim Austausch von Argumenten, die zum Teil nicht mehr taufrisch waren.

Immerhin wurde so die Stimmung in einer Szene deutlich, die sich vom offiziellen Fußball aufrichtig verkannt fühlt, nicht zuletzt von den Medien, denen Dutzende Redner Panikmache und Gewaltfaszination vorwarfen - und dabei zuweilen ein wenig übers Ziel hinausschossen. Wer von morgens bis abends zuhörte, konnte den Eindruck gewinnen, als seien Fan-Ausschreitungen wie beim Pokalspiel Dortmund gegen Dresden reine Medien-Erfindungen.

Allerdings gelang es manchem Redner auch gut zu dokumentieren, an welchen Stellen die Berichterstattung tatsächlich sensationsheischend ausfiel. Auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel, berichtete ein Fan, habe einer der 500 Zugfahrer am Hannoveraner Bahnhof einen Böller gezündet. Die Pressemeldung der Polizei habe "500 Fans" und "Randale" thematisiert, worauf eine Zeitung getitelt habe: "500 Fans randalieren am Bahnhof."

Matthias Stein, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, präsentierte Zahlen. Nach Angaben der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) hätten in der vergangenen Spielzeit 17,5 Millionen Menschen die Spiele besucht, die laut Polizeiangaben 846 Verletzten stellten einen Anteil von 0,0015 Prozent dar. Auch der Anstieg zur Vorsaison (plus 62 Verletzte) sei ein reines Medienthema.

Alexander Bosch von Amnesty International kritisierte die Polizei, sie kommuniziere zu wenig und greife oft zum "wahllosen Einsatz von Pfefferspray". Amnesty unterstütze auch die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte, um Anzeigen gegen einzelne Beamte ernsthaft verfolgen zu können. Gerne hätte man eine Replik der Polizei gehört - Gewerkschaftsvertreter betonen ja zu Recht, dass ihnen viele Fans vermummt entgegenträten. Doch die Polizei hatte am Tag vor der Veranstaltung "aus terminlichen Gründen" abgesagt.

"Wir sind keine Wohlfühloase" open.png

Interview mit Freiburg-Sportdirektor Dufner, 6. Jan. 2012, Spiegel Online


Trainer entlassen, Spieler suspendiert, Kapitän geschasst - ausgerechnet der betuliche SC Freiburg hat zuletzt für negative Schlagzeilen gesorgt. Im Interview spricht Sportdirektor Dirk Dufner über den Zwist mit den eigenen Fans, die harte Gangart des neuen Coaches und den Abstiegskampf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dufner, beim ersten Training unter dem neuen Trainer Christian Streich wurde der Name Heiko Butscher skandiert. Offenbar verstehen viele Fans nicht, warum der Kapitän rausgeschmissen wurde.

Dufner: Fakt ist, dass Heiko nicht rausgeworfen wurde, sondern mich schon vor Wochen bat, dass wir ehrlich mit ihm umgehen und ihm eine ehrliche Antwort bezüglich seiner sportlichen Perspektiven geben. Sollten diese nicht mehr gegeben sein, wolle er den Verein verlassen. Für ihn ist die Antwort möglicherweise anders ausgefallen, als er sich das vorgestellt hat.

SPIEGEL ONLINE: Beim besagten Training öffnete sich irgendwann die Kabinentür. Heraus kam ein tieftrauriger Heiko Butscher, der in einem Korb den Inhalt seines Spinds zu seinem Auto trug, weil er nicht mehr mit der Mannschaft trainieren darf. Sind das die Bilder, die der SC produzieren will?

Dufner: Natürlich lag uns nichts daran, solche Bilder zu produzieren. Heiko hat uns tags zuvor informiert, dass er zum Trainingsauftakt kommen will, ich habe dann mit ihm die Lage besprochen, und er hat während des Trainings dann das Stadion verlassen. Klar ist für uns aber auch, dass Spieler, die sportlich keine Rolle mehr spielen, sicher die Stimmung in der Mannschaft nicht verbessern. Auch wenn es stimmt: Heiko war sicher ein wichtiges Gesicht dieses Vereins und dass das keine ideale Trennung war, steht außer Frage. Das hätten wir uns anders gewünscht.

SPIEGEL ONLINE: Der SC hat ja insgesamt sechs Spieler freigestellt. Musste das sein?

Dufner: Zunächst macht es keinen Sinn, alle sechs Namen in einem Zusammenhang zu nennen, weil die Einzelfälle sich doch unterscheiden. Der grundsätzliche Wunsch des sportlichen Bereichs war, dass wir allen Spielern, die keine Chance mehr auf Einsätze haben, klar sagen, was Sache ist. Und dann war die Überlegung: Reicht das aus, oder müssen wir auf der Trainerposition auch noch mal für einen ähnlichen Impuls sorgen?

SPIEGEL ONLINE: Die Konsequenz war, dass Coach Marcus Sorg gehen musste. Nach dem 17. Spieltag haben Sie und Präsident Fritz Keller ihm noch mit deutlichen Worten den Rücken gestärkt. Das wurde Ihnen als Heuchelei ausgelegt.

Dufner: Wir hatten keinen Grund, diese Überlegungen als Schnellschuss kurz nach Abpfiff einer Partie anzustellen. Das sind auch die Gepflogenheiten und Erwartungshaltungen bei Medien, auf die wir uns nicht einlassen möchten. Denn wenn man nur ein bisschen zuckt und den Trainer hier nur ein bisschen in Frage stellt, ist er überhaupt nicht mehr zu halten. Deshalb haben wir die Tage nach dem Hinrunden-Ende genutzt, um die Dinge ausführlich zu hinterfragen.

SPIEGEL ONLINE: Mit Christian Streich haben Sie erneut auf einen in der Bundesliga unerfahrenen Trainer gesetzt. Ein Risiko?

Dufner: Wir haben uns ganz bewusst zum zweiten Mal hintereinander für eine interne Lösung entschieden. Christian Streich soll nicht kurzfristig helfen, sondern mittel- und langfristig eine Lösung sein. Er verkörpert als langjähriger Leiter der Fußballschule wie kein anderer unser Konzept. Dieses Konzept muss für einen Club wie den SC Freiburg immer über kurzfristigen Maßnahmen stehen, weil wir wissen, dass es uns als Verein trägt - auch wenn es im Tagesgeschäft einmal schlecht läuft wie zur Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Das galt aber bereits im Sommer. Was sprach damals gegen Christian Streich?

Dufner: Fachlich hätte die Entscheidung damals auch anders fallen können. Wir haben gedacht, dass die Kombination beider Trainer eine gute wäre, die sich befruchtet. Das hat offenbar nicht so funktioniert wie erhofft.

SPIEGEL ONLINE: Was wird sich unter Streich ändern?

Dufner: Christian ist ein erfahrener Fußballlehrer und impulsiver Typ, er findet manchmal auch harschere Worte. Es ist vonnöten, dass man der Truppe deutlich vermittelt, dass wir jetzt 17 Endspiele haben.

SPIEGEL ONLINE: Streich war schon als Spieler in Freiburg, seit 1995 arbeitet er im Verein. Der Club ist sein Leben. Weiß er nicht, dass es für ihn nach seinem Job Cheftrainer vielleicht kein Zurück auf eine andere Position mehr gibt?

Dufner: Mit ihm ist klar abgesprochen, dass es für ihn immer einen Weg zurück gibt. Aber er hat aus anderen Gründen gezögert, hier Chef zu werden. Er wollte nicht als illoyal gelten gegenüber seinem Cheftrainer. Wir haben ihm dann erklärt, dass die Loyalität gegenüber einem Verein, für den man so lange arbeitet, das Naheliegendste ist.

SPIEGEL ONLINE: Marcus Sorg klang oft so, als sei im Grunde alles in Ordnung. Das verwunderte bei einem Tabellenletzten, der pro Spiel mehr als zwei Gegentore bekommt.

Dufner: Man muss als Trainer loben, ermutigen, man muss gleichzeitig auch die negativen Dinge intern ansprechen. Nach außen hat er die Mannschaft geschützt, möglicherweise zu sehr, wobei ich das grundsätzlich als Stärke empfinde, wenn sich Trainer nicht auf Kosten ihrer Spieler profilieren. Die Fehler hat er in der Kabine schon klar angesprochen. Es stimmt ja nicht, dass wir uns hier in einer Wohlfühloase einigeln.

SPIEGEL ONLINE: Warum entsteht dann genau der Eindruck?

Dufner: Vielleicht, weil wir hier alle wissen, dass wir uns an die Decke strecken müssen, um überhaupt erste Liga zu spielen und wir nicht permanent die Trainer wechseln. Möglicherweise ist das manchen Beobachtern zu langweilig. Aber Sie können mir glauben, auf die derzeitige Aufregung könnte ich verzichten. Fest steht jedenfalls: Wir sind nicht Dortmund, aber als Team besser als zwei, drei andere in der Liga.

Die große Mission von Greuther Fürth open.png

DFB-Pokal, 20. Dez. 2011, Financial Times Deutschland


Kleiner Etat, große Pläne: Die Spielvereinigung Greuther Fürth steht auf einem Aufstiegsplatz - und will im Pokal den Nachbarn Nürnberg ärgern.

Stephan Schröck ist ein Spieler, wie ihn auch mancher Erstligatrainer gern in seiner Mannschaft hätte: schnell, ballsicher, technisch gut. Zudem mit einer Übersicht ausgestattet, die es ihm erlaubt, Pässe zu spielen, die die gegnerischen Trainer im Nachhinein als "tödlich" bezeichnen. Um das Fürther Glück perfekt zu machen, kann dieser Schröck auch noch Sätze heraushauen wie sonst nur Hardcorefans ihrer Mannschaft. "Ich bin gegen Rot geimpft", hat er nach dem 5:0-Sieg gegen Union Berlin am Freitagabend stolz bekundet. Rot ist die Farbe des 1. FC Nürnberg, am Dienstagabend Gegner im DFB-Pokal. "Wir werden unsere Farben beim Derby bis aufs Blut verteidigen", sagt Schröck.

Der Mittelfeldspieler, der seit der B-Jugend für Fürth kickt, ist nach jedem Sieg als Erster auf dem Zaun, um mit den Fans zu feiern. Beim U23-Derby Ende September, bei dem der Fürther Nachwuchs 2:1 in Nürnberg siegte, jubelte er so hemmungslos, als sei er Weltmeister geworden.

Trainer Mike Büskens hat das Glück, dass er gleich mehrere Spieler in seinen Reihen hat, die in dieser offensivstarken, spielfreudigen Elf qualitativ deutlich über Zweitliganiveau agieren - neben Schröck etwa Linksverteidiger Heinrich Schmidtgal. Und dass er zwei Stürmer im Kader hat, die deren Vorlagen auch verwerten. Der Kanadier Olivier Occean und der ehemalige Oberhausener Christopher Nöthe haben beide schon zehnmal getroffen.

Dass die Franken einen der kleinsten Etats der Liga haben, lesen sie in Fürth gern. In der Tat ist das Budget von Eintracht Frankfurt wohl mehr als doppelt so hoch wie das der Franken, bei denen 7 bis 10 Mio. Euro kolportiert werden (Eintracht: 19 Mio.). Manager Rachid Azzouzi schweigt sich über Zahlen aus. Der Klassenkampfgestus ist allerdings nur zum Teil berechtigt. Fürth ist bei aller Sparsamkeit durchaus in der Lage, hochkarätige Spieler zu holen. Um Stürmer Occean oder den famosen Verteidiger Schmidtgal buhlten zahlreiche Klubs aus der zweiten Liga. Fürth dürfte sie nicht nur wegen der landschaftlichen Reize des Umlands bekommen haben.

Überhaupt ist Greuther Fürth derzeit eine gute Adresse im deutschen Fußball. Während die Fans selbstironische Spielankündigungsplakate kreieren ("Nichtaufstiegstour 2011/12 - wegen des großen Erfolgs verlängert"), bekennen sich Spieler und Trainer mittlerweile offen zum Ziel Aufstieg. Tayfun Pektürk hält am Dienstagabend sogar den Einzug ins Viertelfinale für möglich. Trotz des Nürnberger Kantersiegs bei Bayer Leverkusen am vergangenen Wochenende glaubt Pektürk "immer noch, dass wir das bessere Team sind". Reporterlegende Günter Koch, der zuvor Augenzeuge der Zerfledderung von Union Berlin wurde, sieht das offenbar nicht anders. "Wenn Fürth so weitermacht", prophezeite der frisch gewählte Aufsichtsrat des 1. FC Nürnberg, "spielen sie sich für Dienstag in die Favoritenrolle."

Als Koch diesen Satz sagte, konnte er von Glück reden, dass Büskens außer Hörweite war. Denn allzu euphorisches Lob seiner derzeit auf Tabellenplatz zwei rangierenden Mannschaft macht den Fürther Trainer fuchsteufelswild. Zu viel Skepsis bringt ihn allerdings erst recht in Rage. Überhaupt ist der in Düsseldorf aufgewachsene, ehemalige Schalker Verteidiger nicht eben das, was man mit einer rheinischen Frohnatur assoziiert. Kaum hatte Union-Berlin-Trainer Uwe Neuhaus seine Lobeshymne über Qualität, Tempo und Spielkultur dieser Fürther Mannschaft zu Protokoll gegeben, grantelte Büskens, was das Zeug hält - und das nach einem 5:0-Erfolg. Diesmal hatte ihn ein Videotextartikel auf die Zinne gebracht, der die Leistung seiner Elf beim vorherigen Spiel in Frankfurt nicht angemessen gewürdigt haben soll.

Büskens, der mit seiner Familie im Herzen der Gelsenkirchener Innenstadt wohnt, hat selbst seine Gattin bei einem Schalke-Spiel kennengelernt. Er ist es gewohnt, beim Tanken, beim Bäcker und beim Steuerberater auf den Verein angesprochen zu werden, der die Menschen vor Ort bewegt. Doch Fürth ist nicht Schalke, Fürth ist nicht einmal der FCN, der selbst in Fürth fast so viele Sympathien genießt wie die Grün-Weißen selbst.

Nach Jahrzehnten in der 3. und vierten Liga ist das "Kleeblatt", das in den 20er-Jahren immerhin dreimal deutscher Meister war, erst allmählich wieder dabei, sich eine Fanbasis zu erarbeiten. Büskens, der aus Schalke ganz anderes gewohnt ist, geht das alles bei Weitem nicht schnell genug. Die nicht eben feurige Atmosphäre im manchmal nur mit 7000 Fans gefüllten Ronhof frustriert ihn offenbar ungeheuer. "Mann, ist das ein Hexenkessel", spottete er nach dem 3:0 gegen Rostock im vorletzten Heimspiel und bekam daraufhin in den "Fürther Nachrichten" Nachhilfe in Ethnologie: "Der gemeine Franke, vor allem der gemeine Kleeblatt-Fan, brennt nun mal nicht wie eine Fackel. Eher wie Steinkohle." Immerhin: Am Dienstagabend ist das Gästekontingent ausverkauft.

Nie wieder Marktl am Inn open.png

Eine Kolumne, 25. Sep. 2011, taz


Sie vermissen ihn. "Ralf, komm gesund zurück." Diese und ähnliche Wünsche standen am Samstag auf Transparenten und Zetteln, die viele hundert Fans in der Schalker Nordkurve gehisst haben. Sie haben damit Ralf Rangnick die besten Wünsche übermittelt. Rangnick, der am Donnerstag sein Amt als Schalke-Coach wegen eines Erschöpfungssyndroms niedergelegt hatte. Und der dafür verdächtig viel Lob von all denen geerntet hat, die noch jeden Querpass in der 78. Minute zur Schicksalstat verklärten.

Rangnick, heißt es unisono, habe mit seinem Schritt enormen Mut bewiesen. Und das stimmt ja auch, wenn man sich anschaut, welches Medienecho er damit hervorgerufen hat. Und es auf den ersten Blick ja tatsächlich auch mutig, eine Schwäche in einem Land publik zu machen, das allabendlich den Superstar oder das Topmodel sucht. Nur, dass die Menschen in der Fankurve im Gegensatz zu manchem Medienheini noch wissen, dass das eine die allabendliche Fiktion und das andere die Realität ist.

Wenn ein Spieler, Trainer oder Funktionär von der unter Volldampf stehenden Maschine Bundesliga herabspringt und wenig später Worte wie "Vegetatives Erschöpfungssyndrom", "Depression" oder "Homosexualität" herumwabern, dauert es nicht lange, bis die Interpretationsschablone frei Haus geliefert wird: Dem Ausgebrannten, dem Niedergeschlagenen oder dem Schwulen gebührt höchster Respekt, weil er damit an ein "Tabuthema" gerührt habe.

Was ein Tabu ist, bestimmen aber wir Journalisten. Über das, was angeblich tabuisiert ist, plaudern wir jeden Tag ein paar Stunden. Die Deutungshoheit liegt oft bei Menschen, die sich selbst für ungeheuer aufgeklärt halten, dann doch über das "Weichei" lästern, das nicht jeden Tag den Ellenbogen ausfährt. Doch die Gesellschaft scheint da längst weiter zu sein als ihre Interpreten.

"Das ist überhaupt kein Tabuthema"

Denn es mag in den Profi-Ligen noch Vereine geben, deren Einzugsgebiet so ländlich geprägt ist, dass sich Schwule im Büro nach wie vor nicht zu erkennen geben und psychisch Kranke sich lieber in der nächstgelegenen größeren Stadt behandeln lassen. Benedikt, formerly known as Ratzinger, stammt aus einer solchen und hätte noch heute nichts dagegen, wenn München, Magdeburg und Mönchengladbach so funktionieren würden wie Marktl am Inn zu Zeiten seiner Adoleszenz.

Doch selbst Marktl am Inn funktioniert nicht mehr so wie damals 1943. So gut wie jede Lehrerin, jeder Altenpfleger und jeder Automechaniker, der auch nur auf ein paar Jahre Berufserfahrung zurückblickt, hat 2011 bereits mit homosexuellen Kollegen zusammengearbeitet. Und er/sie hat mitbekommen, dass viele Krankmeldungen nicht aufgrund von Beinbrüchen oder Fieberschüben ausgestellt werden.

Uli Hoeneß hat also vollkommen Recht, wenn er auf einer Podiumsdiskussion sagt, was passieren würde, wenn sich der erste homosexuelle Profi outet: nichts. "Das ist überhaupt kein Tabuthema", sagt Hoeneß, "soll doch jeder machen, was er will." Recht hat er. Doch im Gegensatz zu manchem Wissenschaftler oder Publizisten, der sich zum Thema auslässt, war Uli Hoeneß eben auch schon mal in einem real existierenden Fußballstadion.

In den Fankurven stehen keine Zombies, die am Samstag aus ihren Gräbern kriechen, um sich nach dem Spieltag wieder im Moder zu verbuddeln. In den Fankurven stehen genau diese Altenpfleger, Lehrer und Automechaniker. Leute, die schon mal "Arschloch, Wichser, Hurensohn" bei Abschlag des gegnerischen Torwarts brüllen. Aber auch Leute, die ein feines Gespür dafür haben, wann es ernst wird.

Sebastian Deisler, der Depressive, hat aus vielerlei Gründen gemerkt, dass er in der Bundesliga fehl am Platze ist - die Fans waren dabei kein Grund. Sie haben ihn ermuntert weiterzumachen. Der homosexuelle Rugbyspieler Thomas Gareth schob sein Outing jahrelang vor sich her. Nun ist er erleichtert: Weder Fans noch Mitspieler haben so reagiert, wie er das befürchtet hatte. Genauso wenig würde ein schwuler Profi in der Bundesliga angefeindet. Nur dass der entsprechende Spieler nicht mehr spielen würde, weil er pro Tag 48 Exklusivinterview-Anfragen erfüllen müsste.

Nur ein verwirrter Haufen open.png

Wolfsburg in der Krise, 29. Aug. 2011, Frankfurter Rundschau Online


Der VfL Wolfsburg wirkt beim 0:3 in Freiburg wie eine Ansammlung laufunwilliger Individualisten, die irgendein Vorgesetzter kurz vor Anpfiff flüchtig miteinander bekanntgemacht hat.

FREIBURG – Nach dem Schlusspfiff sagte Felix Magath einen Satz, den mancher im Freiburger Presseraum vor Staunen fast nicht mitgeschrieben hätte. „Wir haben noch nicht die Stabilität, um nach einem Rückstand ins Spiel zurückzufinden.“ So sprach der allmächtige Mann eines Ensembles, dessen Etat so hoch ist, dass er offenbar nach Belieben neue Spieler kaufen kann.

Es sollte eine Erklärung für eine 3:0-Niederlage bei einem Team sein, dessen Spieler mit Ausnahme von Goalgetter Papiss Demba Cissé außerhalb der Freiburger Stadtgrenze kaum jemand kennt, das aber so dominant aufgetreten war, dass Wolfsburgs Bester nach dem Spiel erst einmal tief durchpustete. „Wir haben heute Glück gehabt, nicht höher zu verlieren“, sagte Patrick Ochs, „Freiburg hätte auch sechs Tore machen können.“

Abstimmungsprobleme in der Defensive

Dabei hatte der VfL sich vorgenommen, die Lehren aus der 1:4-Niederlage in Mönchengladbach zu ziehen und war mit einer komplett umgestellten Innenverteidigung angetreten. Statt Marco Russ und Simon Kjaer bildeten Alexander Madlung und der aus Liverpool gekommene, ehemalige Frankfurter Sotirios Kyrgiakos das zentrale Defensivpärchen. Doch die Abstimmung mit den beiden Außen Hasebe und Marcel Schäfer misslang völlig. Überhaupt wirkte das gesamte Team wie eine Ansammlung verwirrter und laufunwilliger Individualisten, die irgendein Vorgesetzter kurz vor Anpfiff flüchtig miteinander bekanntgemacht hat. Schon zur Halbzeit lag der VfL nach Toren von Oliver Barth (30.) und Erik Jendrisek (40.) 0:2 zurück.

Nach einer Stunde baute Cédric Makiadi die Führung auf 3:0 aus und widerlegte damit die These, dass beim SC ausschließlich Cissé fürs Toreschießen bezahlt wird. Der, so Manager Dirk Dufner, soll nun übrigens doch die Saison in Freiburg zu Ende spielen. „Ich gehe nicht davon aus, dass jetzt noch ein Angebot kommt, bei dem wir schwach werden.“

Im Wolfsburger Umfeld wird derweil vermutet, dass Magath, der in dieser Spielzeit bereits 13 neue Spieler verpflichtet hat, nach dem desolaten Auftritt erneut auf dem Transfermarkt aktiv wird. Besagter Cissé soll nach Auskunft von Magath („Ich weiß nicht, warum die Freiburger Fans da Angst haben sollten“) nicht auf dem Wunschzettel stehen.

Nach der Leistung von Samstag stellt sich allerdings die Frage, ob die Probleme des VfL tatsächlich mit weiteren Transfers zu lösen sind. Vielmehr scheint es, als habe das ganze Team keine Vorgabe, wie die individuelle Überlegenheit seiner Spieler in eine überlegen geführte Partie umzusetzen wäre. Spielerisch war der Vortrag der Gäste ein reiner Offenbarungseid.

Die Ziele der Niedersachsen bleiben indes auch nach dem blamablen Saisonstart mit drei Punkten aus vier Spielen ehrgeizig: „Ich will jetzt nicht vom internationalen Wettbewerb reden“, sagte Magath, „bin mir aber sicher, dass wir nach der Länderspielpause gefestigter auftreten. Jetzt aber laufen wir erst einmal hinterher.“

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28. Jul. 2011, sueddeutsche.de


Feuerwerkskörper in der Kurve: Im Dauerkonflikt zwischen Ultras und Verbänden zeichnet sich eine Lösung ab - vorausgesetzt, die Kompromissbereitschaft unter den Fans setzt sich fort. Doch was, wenn wieder etwas passiert?

Langjährige Stadionbesucher trauern zuweilen jenen Zeiten nach, in denen sich bei einem Fußballspiel die Stadionsprecher noch auf das Verlesen der Aufstellungen beschränken konnten. Heute fordern sie den einen Teil des Publikums auf ("Und jetzt alle . . ."), in Wallung zu geraten, und den anderen, die Wallungen zu mäßigen. "Das Abbrennen pyrotechnischer Gegenstände ist verboten . . .", heißt es dann. Die Durchsage verhallt ungehört - aus Prinzip.

Für die Ultra-Fans in der Kurve sind "Pyros" Ausdruck einer ungezähmten Fankultur, die sich bewusst absetzt von den als "Eventpublikum" diffamierten Zuschauern auf den teureren Tribünenplätzen. Um die bunt glühenden Fackeln auf die Ränge schmuggeln zu können, nehmen sie Anstrengungen auf sich, gegen die sich die Feile im Gefängniskuchen wie ein plumper Täuschungsversuch ausnimmt.

Die kleinen Fackeln werden beispielsweise am Tag vor dem Spiel in entlegenen Winkeln der Stadionklos versteckt. Oder sie werden am Spieltag eingeschmuggelt - wenn man den Schilderungen von Security-Angestellte glauben darf, sogar in Körperöffnungen. Wer beim Zündeln erwischt wird, bekommt zudem ein Problem, wie der Würzburger Anwalt Benjamin Hirsch berichtet: "Jeder wird wegen versuchter Körperverletzung angezeigt. Das ist rechtsstaatlich bedenklich, weil kein Ultra seine umstehenden Kollegen verletzen will."

Nun mag sich dem gewöhnlichen Fußballinteressierten nicht erschließen, warum ein junger Mensch wegen ein wenig Gezündel solche Risiken auf sich nimmt. In dem Manifest "Pyrotechnik legalisieren", das über 50 Ultragruppierungen (darunter die Münchner "Schickeria") unterschrieben haben, wird das zu erklären versucht: "Wir lieben die Emotionen, die mit einem Freudenfeuer nach dem Tor verbunden sind. Wir lieben es, wenn die Kurve in einem Meer aus Farben untergeht. Wir lieben die Pyrotechnik, so wie wir unsere Zaunfahnen, Choreographien, Gesänge lieben."

Man muss den heiligen Ernst nicht nachvollziehen können, mit dem die Szene ihre Liebe bekennt. Offenbar ist aber auch den Verantwortlichen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und in der Deutschen Fußball Liga (DFL) bewusst, dass die Szene nicht von ihrem Lieblingsspielzeug lassen wird und dass alle repressiven Maßnahmen bislang versagt haben.

Die Eingangskontrollen können noch so penibel, die Strafen noch so drakonisch sein - die Fackeln, die so groß sind wie ein mittlerer Filzstift, gelangen oft dennoch ins Stadioninnere. Umso bemerkenswerter, dass die Szene in dem Manifest nun ein Friedensangebot im Katz-und-Maus-Spiel unterbreitet. "Wir wissen um die Risiken, die der Einsatz von Pyrotechnik mit sich bringt", heißt es in dem Schreiben. "Bei verantwortungsbewusstem und vernünftigem Umgang sind diese Risiken allerdings auf ein Minimum reduzierbar."

Verletzungen wie sie 2010 Nürnberger Fans beim Zündeln im Bochumer Gästeblock erlitten, entstünden, weil die Fackeln, die Temperaturen von mehr als 1000 Grad erreichen können, "aus Angst vor Bestrafung im dichten Gedränge" gezündet würden.
Auch deshalb fordern die Unterzeichner die Einrichtung von Zonen, in denen Pyros legal abgebrannt werden können. Im Gegenzug wollen sie darauf hinwirken, dass Leuchtspurgeschosse und Böller ("sind klein und fies und schaffen keine Feierstimmung") aus der Kurve verbannt werden.

Bislang gab es zwei Treffen zwischen der Ultra-Initiative und Vertretern von DFB und DFL. Dass sowohl DFB-Vize Rainer Koch als auch der scheidende Sicherheitschef Helmut Spahn teilnahmen, dokumentiere, dass auch die Verbände ernsthafte Dialogbereitschaft zeigen, sagt Anwalt Hirsch, der die Gespräche auf Seiten der Ultra-Initiative begleitete. "Ich glaube, viele in Frankfurt waren überrascht, dass sie da auf Seiten der Ultras mit intelligenten und reflektierenden Menschen zu tun hatten."

Auch das habe wohl zu dem unerwarteten Entgegenkommen von Seiten der Verbände geführt. Anstatt das Ansinnen der Initiative in Bausch und Bogen abzulehnen, will man jetzt beobachten, welche Chancen ein Abkommen zwischen den Ultras und den Verbänden hätte. Den Szenen, in denen ein paar Spiele am Stück auf Böller und Pyros verzichtet wird, sei man bereit, einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. "Wo das klappt", so Hirsch, "werden dann Zonen in der Kurve ausgewiesen, in denen legal, aber kontrolliert Pyros abgebrannt werden können."

Gut möglich also, dass die Stadionsprecher demnächst weniger Durchsagen machen und keine Polizeieinheiten mehr in vollbesetzte Blöcke stürmen müssen, um einen Zündler dingfest zu machen. Es sei denn, in den Kurven setzen sich die wenigen durch, die jeden Dialog mit den Offiziellen ablehnen und nun erst recht zum Feuerzeug greifen wollen. Dem Vernehmen nach gibt es bei DFL und DFB einige Offizielle, die genau darauf warten, um wieder zur harten Linie zurückkehren zu können.

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FC Teningen, 28. Jul. 2011, Berliner Zeitung


Gut 17000 Karten haben sie bereits verkauft, das sind acht Mal so viele Zuschauer wie ins heimische Friedrich-Meyer-Stadion passen würden. Kein Wunder, dass sie beim südbadischen Siebtligisten FC Teningen nicht lange überlegen mussten, in welchem Stadion sie das Spiel gegen Schalke 04 austragen werden. Die Wahl fiel auf Freiburg. Nun hofft der Siebte der Landesliga Südbaden, Staffel II, dass er nicht allzu sehr unter die Räder kommt.

"Ich könnte jetzt das Phrasenschwein füttern und sagen, dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat", sagt Thomas Hodel, "aber wir sind natürlich ein dermaßen krasser Außenseiter..." Hodel sieht das Los als Lohn für vergangene Entbehrungen: "Wir haben in der Qualifikation sechs Mal auswärts gespielt, sechs Mal keine einzige Wurst verkaufen können, keine Eintrittskarte, kein Bier. Und dann bekommen wir nicht Paderborn. Sondern Schalke!" Imponiert hat dem FCT-Vorsitzenden, wie gewissenhaft der Bundesligist sich dennoch auf das Spiel vorbereitet. Man habe die Schalker zur Saisoneröffnung in den 11000-Einwohner-Ort eingeladen. Doch der Klub habe freundlich abgelehnt, man wolle sich "voll auf das Spiel konzentrieren". Wenn der FCT am Samstag seine Neuzugänge vorstellt, ist trotzdem eine Schalker Delegation da: Der 04-Fanclub aus dem nahen Elztal hat sein Erscheinen angekündigt, der Fanbeauftragte reist mit einer Delegation aus dem Ruhrgebiet an und bringt Maskottchen Erwin mit. "Ein Highlight für unsere jungen Spieler", freut sich Hodel.

In Freiburg wird das Spiel nicht ohne Widrigkeiten stattfinden. Weil eine Straßenbahnlinie erneuert wird, müssen die Fans das letzte Stück zu Fuß zurücklegen. "Ein kleiner Sonntagsspaziergang", beruhigt Rolf Stein, vom Oberbürgermeister für die Medienarbeit abgestellt. "Ich habe 27 Minuten dafür gebraucht." Hodel bestätigt das - er ist die Strecke mit der Stoppuhr abgelaufen. Sie überlassen nichts dem Zufall.

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1. FC Nürnberg, 13. Feb. 2011, Spiegel Online


Der 1. FC Nürnberg ist eine der großen Bundesliga-Überraschungen: Nach dem Auswärtssieg beim VfB Stuttgart hat sich der Verein in der Mitte der Tabelle festgesetzt. Das junge Team funktioniert und könnte eine große Zukunft haben - auch wenn die Club-Fans traditionell skeptisch sind.

An Heimspieltagen, pünktlich um 15.28 Uhr, erinnert der 1. FC Nürnberg an Legenden. Wenn Kameras aus dem Innenraum übertragen, wie die Spieler aufs Feld kommen, schallen Panflötenklänge durchs Stadion. Tausende Schals werden in die Höhe gereckt und das Lied "Die Legende lebt" ertönt. Es ist das immergleiche Ritual.

Während auf der Leinwand Heiner Stuhlfauth, legendärer Keeper aus den Zwanzigern, die Bälle fängt, Dieter Eckstein einen Elfer verwandelt und Hans Meyer sich über den DFB-Pokalgewinn 2007 freut, singt eine Stimme von der glorreichen Vergangenheit des 1. FC Nürnberg. Wie bei allen in die Jahre gekommenen Traditionsvereinen zelebriert man eben auch beim Club gerne vergangene Zeiten.
Dass dieser Verein auch eine Zukunft haben könnte, daran hingegen glaubt im traditionell skeptischen Franken offenbar nicht einmal der Barde. Wo anderorten Ruhm, Ehre und Champions-League-Siege herbeigesungen werden, heißt es beim Club reichlich vage: "Der Weg führt in die Zukunft" und "so vieles wird geschehen." Mehr Optimismus gönnt sich der Franke nicht.

Die Elf auf dem Platz ist eine perfekte Mischung

Langsam, ganz langsam sollten sie sich in Nürnberg daran gewöhnen, dass ihr Club gerade eine Mannschaft beisammen hat, die ein Versprechen auf die Zukunft ist. Und die bereits in der Gegenwart jede Menge Spaß macht. Auch alle außer-fränkischen Fußballfreunde haben guten Grund dazu, sich einmal etwas ausführlicher mit einer Mannschaft zu befassen, die am Samstag mit dem 4:1-Sieg in Stuttgart noch einmal sehr deutlich auf sich aufmerksam gemacht hat.

Es muss dabei niemandem peinlich sein, wenn er aus dem Stegreif nur zwei, drei Spieler aus dem Kader nennen kann. Den 1. FC Nürnberg als Team der Namenlosen zu bezeichnen, ist sicher keine Beleidigung. Doch genau das könnte eines der Erfolgsgeheimnisse sein. Der einzige Star des Teams ist Marek Mintal, der bei den Clubfans höchste Achtung genießt, obwohl er seit geraumer Zeit allenfalls noch zu Fünf-Minuten-Einsätzen kommt.

Die Elf auf dem Platz ist eine perfekte Mischung aus wenigen Routiniers (Raphael Schäfer, Timmy Simons, Andreas Wolf) und ungeheuer vielen ungeheuer jungen Spielern, die so viel Spaß am Fußballspielen haben. Spiele des 1. FC Nürnberg sind deshalb in aller Regel vieles - nur nicht langweilig. Und das liegt daran, dass dort eine Elf beisammen ist, bei der die Lehrlinge Meister sein müssen.

Schieber kommt aus Stuttgart - und zerlegt den VfB

Da wäre der Mittelfeld-Staubsauger Almog Cohen. Er ist für Gegenspieler, was die Wespe für den Pflaumenkuchen ist. Wer es schafft, den Mann auszuspielen, hat ihn fünf Meter später wieder an der Hacke.

Da wäre Stürmer Julian Schieber, dem im 4-5-1-System von Trainer Dieter Hecking eine nicht ganz unwichtige Rolle zukommt. Schieber hat gegen den VfB Stuttgart seinen sechsten Saisontreffer erzielt - und bereits neun Tore vorbereitet.

Beim VfB lieh man ihn vor der Saison zum Underdog nach Nürnberg aus, damit er dort Spielpraxis sammle. Heute wäre man froh, wenn man statt ihm irgendeinen anderen Stürmer zur Nachhilfe weggeschickt hätte. Als FCN-Manager Martin Bader vor dem Spiel sagte, der VfB könne sich "auf einen tollen Spieler freuen - ab kommenden Sommer", wusste er noch nicht, wie höhnisch das nach dieser Niederlage klingen würde, die den VfB wieder ein Stück näher Richtung SC Paderborn gebracht hat.

Da wäre Philipp Wollscheid, den vor der Saison außer seiner Freundin kaum einer kannte und der heute eine Bank als Innenverteidiger ist. Und da wäre das famose Mittelfeld um Jens Hegeler, Mehmet Ekici und den derzeit verletzten Ilkay Gündogan. Drei Spieler, die das spielerische Niveau des 1. FCN in bislang ungeahnte Höhen katapultiert haben. Ihnen zuzuschauen ist derzeit allein schon das Eintrittsgeld wert.

Hecking führt Oennings Arbeit fort

Es gibt derzeit ohnehin nicht allzu viele Zuschauer, die nach Club-Spielen den Nachmittag lieber irgendwo anders verbracht hätten. Wollscheid ist 21 Jahre alt, Schieber 22, Gündogan 22, Cohen 20, Hegeler 21 und Ekici 20. Ekici hat nach dem souveränen Sieg in Stuttgart Bemerkenswertes zu Protokoll gegeben: "Wir haben unsere individuelle Klasse gezeigt und den Ball laufen lassen. Der VfB ist so kaum ins Spiel gekommen." Dass das den Tatsachen entsprach, dürfte wohl keiner der 38.000 Augenzeugen bestreiten.

Nürnbergs Trainer Dieter Hecking ist 46 Jahre alt. Er hat eine Mannschaft, in der die meisten Spieler erst seit kurzer Zeit das Wahlrecht besitzen und setzt damit eine Arbeit fort, die sein Vorgänger, der derzeitige HSV-Co-Trainer Michael Oenning, begonnen hat. Es gibt einige Bundesliga-Manager, denen man einmal Heckings Handynummer zustecken sollte. Sie müssen ihn ja nicht gleich abwerben. Aber sie können sich bei ihm erkundigen, wie man ohne viel Geld eine Mannschaft entwickeln kann. Funktionäre, die wissen, wie man mit viel Geld viel Mist macht, kennt die Branche bekanntlich zur Genüge.

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Über Felix Magath, Februar 2011, RUND - Magazin


Seit Einrichtung seiner Facebook-Seite gilt Felix Magath als großer Kommunikator. In Gelsenkirchen werfen ihm die Fans vor, dass er genau das nicht ist. Doch nicht nur deshalb ist die Stimmung an der Basis miserabel.

Es mag sein, dass Bundesligaspiele am Samstag in aller Regel um 15 Uhr 30 angepfiffen werden. Doch mit der Realität auf Schalke hat das nur am Rande zu tun, erst recht, wenn mit dem 1. FC Nürnberg ein Verein gastiert, mit dessen Anhang seit 1981 eine Fanfreundschaft existiert. Morgens um zehn beginnen heute die ersten gemeinsamen Fan-Partys, viele Franken sind schon Mitte der Woche im Ruhrgebiet angekommen.

Für viele Fans von Schalke 04 ist das Spiel gegen den Club das erste seit Monaten, auf das sie sich wieder richtig freuen. Schalke quält sein Publikum derzeit mit miserablen Spielen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Im einst so stimmungsvollen Schalker Stadion hörte man gegen Hoffenheim und gegen Freiburg teilweise nur die wenigen Gästefans. Vor dem Eingang standen hunderte Schalke-Fans, die ihre Karten verkaufen wollten. Doch die Entfremdung zwischen Verein und Fans hat tiefgreifendere Gründe als den fehlenden sportlichen Erfolg. In Gelsenkirchen, wo die Menschen auch an einem spielfreien Tag mit Schalke-Schal herumlaufen, fragen sich viele, ob ihr Verein nicht an einer wichtigen Kreuzung falsch abgebogen ist. Dutzende Spieler hat der Manager-Trainer Felix Magath ausgetauscht, seit er im Juli 2009 das Ruder übernahm. Es waren gute Transfers dabei. Und viele schlechte. Die Vorsitzende der Schalker Fan-Initiative e.V., Susanne Franke, ist nicht die einzige, der da angesichts der kolportierten Mindestsumme von 200 Millionen Euro Verbindlichkeiten mulmig wird. „Die Fans maßen sich nicht an, über Sinn oder Unsinn einzelner Transfers zu sprechen, aber wenn die Gesamtbilanz so ist wie bei uns, sind funktionierende Kontrollmechanismen notwendig.“ Die aber gibt es nicht, es gab sie auf Schalke auch zuvor nicht. „Es geht nicht primär um die Person Magath. Es ist ein lange bekanntes strukturelles Problem, dass die wirtschaftliche Seite nicht von der sportlichen getrennt wird.“

Das findet auch Markus Rehse. Der 42-Jährige lebt mitten in der Gelsenkirchener Fußgängerzone auf zwei Stockwerken. Im oberen wohnt die Familie, in den unteren hat er auf 120 Quadratmeter etwas gebaut, das er „Männertraum“ nennt. Im „Männertraum“ steht ein riesiger Kühlschrank, vier Flipper, einen Beamer mit Großbildleinwand. Es gibt hier kaum einen Gegenstand, den nicht das Vereinswappen ziert – selbst die Toilette ist in sanftem Blaulicht erleuchtet. Auf einem Foto von 1997 reckt Mike Büskens den UEFA-Cup in den Abendhimmel. Büskens, der heute Trainer in Fürth ist, wohnt mit seiner Familie ein paar hundert Meter weiter. Der derzeitige Schalker Trainer hat es laut „Zeit“ jüngst abgelehnt, sich vom Gelsenkirchener OB einmal die Stadt zeigen zu lassen. „Wir hatten hier eine gut funktionierende Kommunikationskultur“, sagt Rehse, „die ist weg.“ Die Klage ist auch später im Fanhaus hinterm Stadion zu hören: Mirko Slomka, Huub Stevens und viele andere Magath-Vorgänger seien hier alle paar Wochen mal vorbeigekommen. Den Fans hat das gefallen, sie sind ja bereit, die Vereinspolitik mitzutragen, wenn man ihnen erklärt, welche das ist. Heute erfahren sie aus der Zeitung, wenn die Eintrittspreise erhöht werden.

Dabei wird Magath gerade als großer Kommunikator gelobt, seit er sich bei Facebook registrieren hat lassen. Magath hat dort bereits 100.000 „Freunde“. Die Sache mit Facebook sei „eine Reaktion auf das, was mir Clemens Tönnies gesagt hat“, sagt er. Den Rat des Aufsichtsratschefs, er solle die Fans endlich „mitnehmen“, erteilen Magath allerdings alle, seit er im Juli 2009 auf Schalke anheuerte. In einem offenen Brief („Nero auf Schalke“) warf der eigenständige „Supporters Club“ Magath Anfang des Monats vor, er nehme weder auf die Fans, noch auf die Spieler Rücksicht, sondern spiele „Menschenmonopoly“: „Ohne ersichtliches Konzept wurden unzählige Spieler verpflichtet und wieder vom Hof gejagt.“ Die Ultras sehen das ähnlich. „Der von Magath angekündigte und sicherlich notwendige Umbruch“ habe sich „als rücksichtsloser Abbruch entpuppt“, finden sie.

„Ich glaube, ich bin stabiler als der Verein. Im Verein ist viel Emotion“, hat Magath der „Zeit“ vor ein paar Monaten gesagt. Und hat er nicht Recht? Hat die Emotion, hat der Größenwahn, nicht über Jahre alles zunichte gemacht auf Schalke? Als sie am Boden lagen, haben sie Magath kontaktiert. Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies fand, dass der Verein so verlottert war, dass man nun einen stählernen Besen brauche. Magath hat fleißig gekehrt, der Club ist nicht mehr wiederzuerkennen. Er versteht nicht, dass sich nun alle über die Kälte beklagen, die auf Schalke herrscht. Markus Rehse könnte ihm das erklären. „Klar wollen wir irgendwann Meister werden“, sagt er, „aber nicht, wenn wir dafür unsere Seele verkaufen müssen.“

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Eine Kolumne, 4. Feb. 2011, taz


An ihrer Stadionmusik sollt ihr sie erkennen. In einer Welt stumpfer Cocktails aus Vorort-Disco-Beats und "Wir stehn zu dir"-Lyrik legt man mancherorts noch Wert auf Distinktion. Wer vor einem Heimspiel von Erzgebirge Aue nicht sofort vor Rührung eine Staublunge bekommt, wenn die Mannschaft zu den Klängen von "Der Steiger kommt" das Spielfeld betritt, kann kein fühlendes Wesen sein. Und wer hört, wie Nina Hagen davon singt, "Eisern Union" werde sich nicht vom Westen kaufen lassen, kriegt selbst dann eine Gänsehaut, wenn er aus Westwestfalen stammt.

Insofern gebührt auch dem VfB Stuttgart endlich einmal ein lobendes Wort. Vor dem Spiel gegen den SC Freiburg erklang die Tormusik schon mal gleich eine Viertelstunde vor dem Anpfiff. Da die des VfB von der kalifornischen Punk-Band Pennywise stammt und die praktischerweise des Abends in einem Stuttgarter Club aufspielte, gab es die "Bro-Hymn" ausnahmsweise ohne Anlass - dafür aber live gespielt.

Und auch wenn es ein wenig komisch aussah, wie die Mappus-Wählerinnen auf der Haupttribüne mit frisch getönten Haaren den Refrain ("ooooo-o-o-o-o") mitschunkelten - sie waren immerhin verdammt textsicher.

So, jetzt ist fast die Hälfte des Textes geschrieben und bislang war es eine einzige Ode an die vortreffliche Geschmackssicherheit der VfB-Verantwortlichen. Soll also bloß keiner behaupten, man meine es nicht gut mit dem Club. Der Musikbeauftragte des VfB ist ein Vollprofi. Das muss auch mal gesagt werden. Pennywise mit Anlass gab es an diesem Abend natürlich nicht, der VfB schießt in dieser Saison ja bekanntlich entweder gleich sechs (Bremen) bzw. sieben (Gladbach) Tore - oder er spielt so, dass auch der optimistischste Fan nach drei Minuten alle Hoffnung fahren lässt. Nun fragt man sich natürlich, wie eine Mannschaft, in der eigentlich jedes Elftel sein Fußwerk versteht, in der Summe so dermaßen plan- und hilflos vor sich hinkicken kann.

Es gibt Leute, die diese Frage schlüssig beantworten können. Es sind die sechs Trainer, die der Club allein seit Sommer 2005 verschlissen hat. Sie alle weisen drei Parallelen auf.

Erstens die, dass ihre jeweilige Spielphilosophie so wenig mit der des Vorgängers zu tun hatte wie mit der des Nachfolgers. Zweitens die, dass sie sich ein paar Spieler kaufen durften, die der Nachfolger dann wieder nicht brauchen konnte. Und drittens die, dass sie von den immer gleichen Leuten geheuert und gefeuert wurden. Leute, die beim VfB Stuttgart seit Gottlieb Daimlers Zeiten das Sagen haben - ganz egal, wer unter ihnen grad Trainer oder Manager ist.

In der Welt von Finanzvorstand Ulrich Ruf und Aufsichtsratschef Dieter Hundt muss ein Trainer weg, weil er entweder Erfolg hat - dann wird er zu mächtig. Oder weil er Erfolg hat - dann ist er zu schwach. Mancher Ex-Coach soll die Zeit beim VfB nicht ohne Folgeschäden überstanden haben. Felix Magath holt derzeit jedenfalls massenhaft Spieler, die es schwer hätten, in der zweiten Stuttgarter Mannschaft Fuß zu fassen. Doch das nur am Rande. Dass der Wahnsinn auch woanders tobt, ist im Schwäbischen längst kein Trost mehr.

Immerhin machen sie sich beim VfB auch Gedanken, was sie ihrem Publikum nach Niederlagen kredenzen: die Toten Hosen, die davon singen, dass man aufstehen muss, wenn man am Boden liegt. Weil man sonst liegen bleibt. Oder so. So schlau sind dann selbst die Leute, die beim VfB das Sagen haben. Campino hat also gute Chancen, bald einen Anruf aus Stuttgart zu bekommen. Er soll ja auch jede Menge von Fußball verstehen.

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100 Jahre alte Arena, 25. Jan. 2011, Financial Times Deutschland


Die Franken haben pünktlich zum Geburtstag ihres Stadions sportlichen Erfolg. Doch Zuschauer verirren sich kaum in die Arena - vielleicht liegt's am seltsamen Namen des Sponsoren.

Sie hatten sich mächtig ins Zeug gelegt. Stundenlang hatten sie das Spielfeld und die Ränge vom Schnee befreit, ehe angepfiffen werden konnte. Der Einsatz hatte sich gelohnt, schließlich war das Spiel in diesem Winter ein besonderes. Im 100. Jubiläumsjahr des Stadions am Ronhof sollte die "Jahrhundertelf" vorgestellt werden. Und von den laut Fanabstimmung elf wichtigsten Spielern seit der Vereinsgründung waren bis auf einen alle noch lebenden erschienen. Aber ach: Obwohl auch die aktuelle Fürther Mannschaft gegen 1860 München gewann, gab es nach dem Schlusspfiff wieder lange Gesichter bei den Verantwortlichen.

Nur 6800 Zuschauer waren gekommen - ein erbärmlicher Besuch, wieder einmal, in Fürth ist das traurige Normalität. Selbst Trainer Mike Büskens wollte dazu nicht schweigen: "Dieses Spiel hätte mehr Zuschauer verdient gehabt", raunzte er. Am Sonntag, nach dem Sieg über Union Berlin, hielt er den Mund. 6400 Zuschauer kamen da - rund 800 davon aus der Hauptstadt. Gewonnen hat mal wieder die Heimmannschaft.

Mit durchschnittlich etwa 6000 Zuschauern liegt der Traditionsverein im unteren Viertel aller Zweitligisten. Der 1.FC Nürnberg, dessen Stadion keine 15 Kilometer vom Ronhof entfernt liegt, baut auf die Unterstützung von 475 Fanklubs. Wenn das "Kleeblatt" einen neuen begrüßt, räumt die Stadionzeitung der frohen Kunde eine ganze Seite frei.

Dabei ist der derzeit dienstälteste Zweitligist, der sich Jahr für Jahr in der Spitzengruppe hält, ein echter Underdog. Sein Etat liegt stets im deutlich einstelligen Millionenbereich - und damit im unteren Drittel aller Zweitligisten. Über 10 Mio. Euro hat der Klub seit dem Zweitligaaufstieg 1997 durch Transfers eingenommen - nur knapp über 2 Mio. ausgegeben. Jahr für Jahr verlassen den Verein seine besten Spieler: Roberto Hilbert und Nationalspieler Heiko Westermann wuchsen am Ronhof auf, vor der Saison ging Sami Allagui nach Mainz.

Man definiert sich als Ausbildungsverein, das setzt eine hohe Frustrationsbereitschaft voraus. Dabei hat das Kleeblatt, wie der Klub sich auch nennt, eine tolle Entwicklung absolviert. Ende der 80er-Jahre steckte es noch in der Landesliga - doch das tröstet die vielen auffallend alten Zuschauer im Ronhof wenig.

Im Jubiläumsjahr erinnert eine große Ausstellung im Fürther Rathaus daran, dass das Kleeblatt schon drei Mal deutscher Meister war. Ein Foto aus dem Jahr 1923 zeigt die deutsche Nationalmannschaft beim Länderspiel in Mailand - gleich fünf Fürther präsentieren da stolz den Reichsadler. Nachlesen kann man das im liebevoll aufbereiteten Jubiläumsbuch, das der Archivar Jürgen Schmidt vor Kurzem herausgebracht hat und das der Verein in Eigenregie vertreibt. Mit den jungen Fans von den "Horidos" hat Schmidt, der schon als Kind mit Schal und Fahne im Ronhof stand, kürzlich eine Führung durchs Museum gemacht. Seither ist er noch überzeugter, dass Vergangenheit und Zukunft in Einklang zu bringen sind: "Die hatten ein richtiges Interesse an den Geschichten von früher."

Wer die Ausstellung verlässt und die große Kreuzung diagonal überquert, landet vor der Eingangstür zum Jüdischen Museum. Als der spätere US-Außenminister Henry Kissinger in Fürth aufwuchs, wurde die Stadt wegen ihrer großen jüdischen Gemeinde "Jerusalem des Südens" genannt. Vergangenen Mai war der betagte Mann erkennbar gerührt, als ihm Präsident Helmut Hack den Ronhof zeigte, der für Kissinger schon als Steppke der eigentliche Ortskern war. Kissinger informiert sich noch heute jedes Wochenende über die Ergebnisse seines Vereins.

Außerhalb von New York und Fürth aber wird der Klub kaum wahrgenommen. Dafür bietet er offenbar eine gewisse Angriffsfläche für Spott. Seit der Fusion mit dem TSV Vestenbergsgreuth im Jahr 1996 muss die Spielvereinigung damit leben, dass sie offiziell das Präfix "Greuther" trägt - was für außerfränkische Ohren so sexy klingt wie Diarrhö Düsseldorf. Und dann wäre da noch der seltsame Stadionname. Jeder Fußballfan, der sich zu den Heimspielen seiner Mannschaft in ein "Playmobil-Stadion" begibt, leidet. In Fürth war das lange Jahre so. Es sollte noch schlimmer kommen: Heute heißt das Stadion "Trolli Arena".

In sieben der letzten zehn Jahre belegte Fürth am Ende der Saison Platz fünf, seit dem Wochenende steht man einen Platz besser. Die Chancen aufzusteigen sind also mal wieder gut. Archivar Schmidt hofft jedenfalls inständig, dass es dieses Mal klappt: "Ein Aufstieg wäre in jeder Hinsicht ein Glücksfall. Dann kämen mit einem Schlag auch die Zuschauer, die wir in all den Jahren in der Bayernliga verloren haben."

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Schwacher Schiedsrichter, 16. Jan. 2011, Frankfurter Rundschau


Bei seinem Auftritt in Nürnberg hat Babak Rafati so gut wie alles verkehrt gemacht. Der Unparteiische verweigerte dem 1. FC Nürnberg gleich zwei Elfmeter, zudem annullierte Rafati ein reguläres Tor.

Verantwortungsvolle Eltern bringen ihren Kindern schon früh ein paar grundlegende Dinge bei, die das Zusammenleben der Menschen erleichtern. Man rülpst nicht bei Tisch, unterhält sich bei der Pippi-Langstrumpf-Vorführung im Kino nicht laut mit den Geschwisterchen. Und wenn man einmal Mist macht, entschuldigt man sich eben danach. Dann, erfährt das interessierte Kind, ist nämlich alles halb so schlimm.

Babak Rafati schlich am frühen Samstagabend wortlos an den Journalisten vorbei. Wobei das wohl eher am schlechten Gewissen gelegen haben dürfte als an mangelnder Erziehung. Er wusste ja, dass viel passieren muss, bis einer wie der Nürnberger Andy Wolf mit zitternder Stimme und fassungslosem Blick stottert, dass er leider nichts über die Schiedsrichterleistung sagen könne, weil er wohl sonst bis ans Ende seiner Tage gesperrt würde. Wolf ist eigentlich nicht als Sensibelchen beleumundet. Der Innenverteidiger ist eher einer, dem man zutraut, dass er schon mit sechs Jahren den „Friedhof der Kuscheltiere“ attraktiver fand als die Plüschtiere selbst.

Doch das war dann doch zu viel. Gleich zwei klare Elfmeter verweigerte Rafati den Nürnbergern. Und noch in vielen Jahren werden Optiker rätseln, wie man übersehen kann, dass dabei einmal ein Spieler sekundenlang zu Boden gezogen wurde und beim anderen Mal eine Grätsche im Spiel war, mit der Mo Idrissou auch das Schilf am nahen Valznerweiher hätte roden können.

Reguläres Tor annulliert

Und dann war da noch dieses reguläre Tor, dessen Nichtanerkennung für den verletzten Nürnberger Per Nilsson schlicht die „Fehlentscheidung des Jahres“ war. Christofer Heimeroth hatte einen Ball nicht festhalten können, worüber sich der Nürnberger Markus Mandler redlich freute. Doch dann annullierte Rafati den Treffer. Hätte der Fifa-Schiedsrichter ein paar mehr seiner sieben Sinne aus Hannover mitgebracht, hätte er gemerkt, dass man die Aktion selbst im Fünfmeterraum hätte weiterlaufen lassen müssen. Einer, der das Geschehene eigentlich ebenso unkommentiert lassen wollte wie Rafati selbst, ist Torwart des 1. FC Nürnberg. Doch wie es nun einmal so ist mit den Vorsätzen zu Jahresbeginn: So ganz klappte das nicht.

Zunächst einmal sagte Raphael Schäfer artig, dass er über den Schiedsrichter nichts sagen wolle. Und zwar schon gar nicht, wo doch Umfragen führender Fußballmagazine unter Bundesliga-Profis seit Jahren eine klare Sprache über dessen Fähigkeiten lieferten. Aber wo er nun schon einmal dabei sei, nichts über den Schiedsrichter zu sagen, könne er eben auch nichts über die aus Nürnberger Sicht ordentliche zweite Halbzeit sagen. Außer vielleicht folgendes: „Man kann Rafati da nicht ausklammern, weil er einfach spielentscheidend war.“

Spielentscheidend war allerdings auch, dass Javier Pinola in der 86. Minute einen Elfmeter verschoss. Rafati hätte nämlich zwei Elfmeter geben müssen, pfiff aber den dritten. Und der war unberechtigt.

Rafati hat am Samstag bei allen wichtigen Entscheidungen voll daneben gelegen. Das aber mit absoluter Konsequenz.

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Labbadia und der VfB, 19. Dez. 2010, Spiegel Online


Das Debakel gegen Bayern München hat deutlich gemacht: Bruno Labbadia und der VfB Stuttgart passen gut zusammen - beide haben jede Menge Potential, beide stehen sich oft selbst im Weg. Und beide haben jetzt noch exakt 17 Bundesligaspiele Bewährung.

Der Refrain des Songs "Vamos a la playa" eignet sich prächtig, um sechssilbige Namen zu skandieren. Doch an der Rhythmik lag es nicht, dass die Gäste-Fans des FC Bayern München beim 3:5 Debakel des VfB das ganze Spiel über den Namen des neuen Stuttgarter Chefcoachs höhnisch hochlieben ließen: "Bru-no La-bba-di-a, o-o-o-ohoho."

Aber was kann der Trainer des VfB Stuttgart dafür, wenn sich eine Hintermannschaft vorgenommen hat, mit aller Konsequenz das kaputtzumachen, was sich der Rest des Teams zuvor aufgebaut hat?
Eine geschlagene halbe Stunde war nämlich nichts Produktives zu sehen gewesen von den Bayern, die nun plötzlich bis auf vier Punkte an den Tabellenzweiten Mainz herangekommen sind. Doch dann kroch das alte VfB-Malheur heran, unaufhaltsam und unerbittlich wie so oft in dieser Saison. Fünf Gegentreffer hatte man plötzlich nach gut einer Stunde - weil erst Ermin Bicakcic, dann Matthieu Delpierre, dann Artur Bokà, dann Sven Ulreich und schließlich die komplette Hintermannschaft nichts Besseres zu tun hatten, als den Bayern ihre fünf Treffer durch Fehler aufzulegen, die man selbst in der Verbandsliga nicht oft sieht.

Dabei hatten sie so gut angefangen.

Energisch und konsequent störten die VfB-Spieler den Spielaufbau der Bayern und suchten immer wieder mutig den Weg in die Spitze. Der demoralisierte VfB auf Augenhöhe mit den ruhmreichen Bayern? Nicht nur das. In der ersten halben Stunde und über weite Strecken der zweiten Hälfte spielte der VfB richtig guten Fußball. Und zwang die Bayern-Hintermannschaft zuweilen zu Fehlern, die so aussahen, als hätten die VfB-Verteidiger in der Halbzeit die Trikots getauscht.

Der neue Stuttgarter Coach konnte also mit halbwegs erhobenem Haupt vor die wütende Fankurve und daraufhin vor die Mikrofone treten: "Das wird Abstiegskampf bis zum letzten Spieltag - es wird darum gehen, das auch dem Umfeld zu vermitteln."

In der Tat: Wer nach 17 Spielen nur zwölf Punkte hat, sollte ganz schnell alles vergessen, was sich über das Potential der Mannschaft sagen ließe. In der vergangenen Saison wurde mit Hertha BSC Berlin auch nicht das am schlechtesten besetzte Team Tabellenletzter. Allerdings spricht einiges dafür, dass der VfB ein glücklicheres Händchen als der Hauptstadtclub hatte, als er beschloss, zum zweiten Mal den Trainer zu wechseln: Labbadia steht für laufintensiven, auf Kurzpässen basierenden Offensivfußball.

Ständiger Stilwechsel beim VfB

Damit passt er bestens zu dieser launischen Equipe, die an guten Tagen mit ihrem technisch starken, ballsicheren Mittelfeld und dem gut besetzten Sturm zeigt, wozu sie in der Lage ist - und dann nur allzu oft von einer dilettantischen Abwehrarbeit um den Lohn ihrer Arbeit gebracht wird. Allerdings ist es kein Zufall, dass der Club in den vergangenen drei Jahren immer so miserabel gestartet ist. Kein Mensch weiß mit Sicherheit, ob Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel im kommenden Jahr noch Trainer in Dortmund oder Mainz sein werden. Klar ist aber, dass ihr Nachfolger kein Trainer würde, der für ein komplett entgegengesetztes Fußballverständnis steht. Diese Teams sind auch deshalb so weit oben, weil ihre Bosse wissen, was sie wollen. Und welchen Trainertyp sie dafür verpflichten müssen.

Ganz anders die Lage beim VfB: Nach dem Powerfußball-Lehrer Felix Magath kam mit Armin Veh ein Trainer, der das Kurzpassspiel mag, dem aber am Schluss das Glück abhanden kam. Veh wurde von einem Novizen (Markus Babbel) abgelöst, der anfangs Erfolge feierte, seine Handschrift aber erst noch einüben musste. Es folgte Christian Gross - ein Trainer, dem man nicht Unrecht tut, wenn man ihn als Freund eines eher britischen Fußballstils bezeichnet. Als der nicht mehr funktionierte, holte man mit Jens Keller erneut einen Novizen. Zudem einen, der Fußball zeitlebens als Plackerei verstanden hatte und sich schnell verschliss.

Nach welchen Kriterien beim VfB die wichtigste Stelle im Verein besetzt wird, erschließt sich den Beobachtern vor Ort schon lange nicht mehr. Auch deshalb kann man den VfB wohl nur zu Labbadia beglückwünschen - er bringt von seinem Fachwissen und von seinem Fußballverständnis her alles mit, um die Mannschaft kurzfristig zu pushen und mittelfristig ein Team aufzubauen, das auch mal wieder oben mitspielen kann. Vorausgesetzt, er kann sein Image ablegen. Ein Image als Trainer, der eine Mannschaft über ein paar Monate weg nach vorne treiben kann, ehe eine unaufhaltsame Abwärtsentwicklung einsetzt. Er hat es schließlich aus gutem Grund verliehen bekommen.

Allerdings deutet viel darauf hin, dass Labbadia verstanden hat, warum er zuletzt in Leverkusen und beim HSV scheiterte. Er hat das vergangene halbe Jahr genutzt, um in sich zu gehen, hat externen Rat gesucht, seine Methoden auf den Prüfstand gestellt. Man kann ihm nur wünschen, dass er seine Fehler abstellt, ohne seine Stärken zu verlieren. Weder am Rhein noch an der Elbe finden sich nämlich ehemalige Weggefährten, die ihm Fachwissen, Begeisterungsfähigkeit, Fleiß und Akribie absprechen würden. Und noch heute schnalzen viele mit der Zunge, wenn sie über den Fußball sprechen, den seine Teams jeweils in der Hinrunde spielten.
Aber zahlreiche Spieler - nicht nur die Diven, die auch unter seinen Nachfolgern Probleme bekamen - haben ihn als Trainer erlebt, der schnell das Maß verliert, der auch nach erfolgreichen Spielen nicht locker lassen kann, der die Zügel anzieht, bis die Gäule ausbrechen. Labbadia hat mit seinem Feuer in Leverkusen und Hamburg am Schluss vieles verbrannt, was er nur auf Betriebstemperatur halten wollte.

Labbadia und der VfB: Beide haben jede Menge Potential. Aber beide standen sich bislang zu oft selbst im Weg.

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Interview mit Robin Dutt, 29. Okt. 2010, Süddeutsche Zeitung


Freiburgs Trainer Robin Dutt über das Taktik-Duell mit Bayern-Coach Louis van Gaal, den großen Fortschritt der Fußballmethodik und den enttäuschenden Weinjahrgang 2006.

SZ: Herr Dutt, Sie beklagen sich immer wieder, dass in der Fußballberichterstattung der Fußball zu oft in den Hintergrund rückt.
Robin Dutt:Manchmal hat man zumindest den Eindruck, dass es interessanter ist, zu welchem Bäcker meine Frau geht, als wie das Spiel gelaufen ist, das gerade zu Ende ist. Ich glaube, dass das viel weniger Leute interessiert als die fußballspezifischen Fragen.

SZ: Dann lassen Sie uns doch einfach über Fußball sprechen.
Dutt: Ich bitte darum.

SZ: Nach der Niederlage gegen St. Pauli am ersten Spieltag waren sich die Beobachter einig: Der SC Freiburg ist ein sicherer Abstiegskandidat, der zu allem Unglück nicht einmal fit ist.
Dutt: Ich fürchte, jetzt müssen wir sogar über Fußball sprechen. Das Erarbeiten von Ausdauer und Kraft findet in der ersten Phase der Vorbereitung statt. Erst in den letzten 14 Tagen kommen Schnelligkeit und damit die sogenannte Spritzigkeit dazu. Man versucht, taktische Dinge wie das Konterspiel daran auszurichten. Dieser Block ist bei uns fast weggefallen, weil sechs bis acht verletzte Stammspieler nicht teilnehmen konnten. Wenn das in diesem Segment passiert, hast du eine Mannschaft, die taktisch und konditionell nicht 100 Prozent fit ist.

SZ: Man kann nicht zuerst die Spritzigkeit trainieren - und dann die Ausdauer?
Dutt: Können schon, das ist aber nicht ratsam. Es ist eher wie beim Wein: Es kann wie im Jahr 2006 ein toller Sommer gewesen sein, ein Spitzenjahrgang wurde erwartet. Und was ist passiert? Ein verregneter Herbst und nichts war es mit dem guten Jahrgang. Im Gegensatz zu den Winzern konnten wir das aber wieder korrigieren - zwei Wochen nach Saisonbeginn war ich deutlich zufriedener.

SZ: Vergangene Saison hat der SC Freiburg den Klassenerhalt geschafft, nachdem Sie zum Spiel in München auf ein 4-1-4-1-System umgestellt haben. Zwar hatten Sie im März durch zwei späte Arjen-Robben-Tore noch 1:2 verloren, aber das System habe Sie dann bis zum Saisonende beibehalten.
Dutt: Nach zwölf negativen Spielen hatte die Mannschaft ein klares System gebraucht, jetzt aber ist eine Phase, in der mancher seine Kreativität mehr ausleben will. Im Grunde ist es mir lieber, die Systeme zu switchen. Deshalb haben wir in dieser Spielzeit schon 4-1-4-1, 4-4-2 und 4-1-2-2-1 gespielt.

SZ: Ist die taktische Variabilität ein Mittel, um gegen individuell besser besetzte Mannschaften wie die des FC Bayern bestehen zu können?
Dutt: Am Dienstag haben wir in Cottbus auch deshalb verloren, weil taktisch sehr viel schlecht lief. Louis van Gaal ist aber auch ein Taktikfuchs. Im Fußball trifft eben Strategie auf Strategie - das Problem daran ist, dass sich leider nur eine davon durchsetzen kann.

SZ: Im Sommer haben Sie angefangen, nach den Grundsätzen der "Life Kinetik" zu trainieren. Was ist darunter zu verstehen?
Dutt: Den Begriff hat Horst Lutz geprägt. Ihn habe ich auf einer Bundesligatagung kennengelernt, wo er einen Vortrag gehalten hat. Mich hat diese Thematik schon immer sehr interessiert.

SZ: Worum ging es in dem Vortrag?
Dutt: Die Ausgangsthese ist, dass wir nur zehn Prozent unserer geistigen Fähigkeiten nutzen, weil es unser Alltag nicht erfordert, dass wir andere Bereiche hinzuziehen. Grob gesagt ist unser Hirn in acht Teile unterteilt - hier das kreative Denken, dort die Motorik. Diese Bereiche müssten viel besser miteinander kommunizieren. Denn umso mehr Synapsen verbunden sind, umso schneller kann man kommunizieren.

SZ: Inwiefern lässt sich daran mit einer Fußballmannschaft arbeiten?
Dutt: Es gibt spezielle Übungsformen, die wir mit unserer Mannschaft in den Trainingsalltag eingebaut haben. Dabei geht es oft darum, konträre Handlungen auszuführen. Je mehr Synapsen verbunden sind, desto mehr können wir auf konträre Situationen reagieren.

SZ: Mit Verlaub: Es entspricht nicht dem Klischeebild vom Fußballer, dass er mit Feuereifer seine Synapsen trainiert.
Dutt: Das könnte am Klischeebild liegen. Meine Spieler hier sind jedenfalls stinksauer, wenn wir abbrechen oder die nächste Übung machen, bevor sie es können. Jeder Mensch, der sagt, ich mache das so, weil ich es schon immer so gemacht habe, ist auf dem Weg nach unten, davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt.

SZ: Wie vermittelt man einem Spieler wie Ihrem Torjäger Papiss Cissé, der noch nicht fließend Deutsch spricht, solch komplexe Sachverhalte?
Dutt: Indem wir visualisieren, was wir erzählen, es durch Bilder an der Wand veranschaulichen. Und natürlich haben wir in Cédrick Makiadi für Französisch einen guten mannschaftsinternen Dolmetscher. Papiss ist zudem ein sehr neugieriger, ehrgeiziger Spieler, der sich kein bisschen auf seinen Lorbeeren ausruht. Das gefällt mir sehr.

SZ: Was im Fußball als Innovation gilt, wird in anderen Ballsportarten …
Dutt: Entschuldigung, aber das ist eine unausrottbare Mär - genauso wie das Gerede, wonach im Fußball so wenig intensiv trainiert werde. In einem Teilbereich wie beispielsweise der Ausdauer haben wir natürlich gegen einen Leichtathleten keine Chance. Fußballer müssen jedoch Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination in ein optimales Verhältnis bringen. Daher wäre ein Marathonläufer nicht in der Lage, das geforderte Spieltempo eines Fußballspielers über 90 Minuten zu gehen.

SZ: Der Vorwurf mangelnder Innovation zielt eher auf die Trainingsmethoden als auf Ausdauer und Kraft.
Dutt: Aber auch das ist Quatsch. Fußball ist eine sehr komplexe Ballsportart: Die oben genannten Faktoren brauchen Sie in der Kombination nirgendwo sonst. Hockey kommt dem vielleicht noch am nächsten - jedoch muss man da eher selten springen. Wir brauchen uns vor anderen Sportarten nicht zu verstecken, ganz im Gegenteil, in manchen Bereichen haben wir vielleicht schon die Nase vorne.

SZ: Trotzdem finden sich auch in Ihrer Zunft Kollegen, die der Meinung sind, dass Gras fressen schon reicht, um erfolgreich Fußball zu spielen.
Dutt: Absolute Ausnahmen. In den letzten zehn Jahren hat sich doch so viel getan, da muss man fast schon aufpassen, dass man das Spiel nicht zu sehr verwissenschaftlicht. Fußball sollte bei allen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten für die Zuschauer und die Spieler einfach bleiben. Das Komplizierte sollten wir Trainer im Hintergrund erarbeiten und so im Alltag umsetzen, dass es leicht verständlich ist.

SZ: Da trainiert man täglich, um am Samstag ein paar Prozentpunkte mehr Leistung zu sehen - und der Schiedsrichter beurteilt eine Situation falsch.
Dutt: Und schon hat man verloren. Ja, das ist frustrierend, so war es ja beim letzten Mal in München, als wir kurz vor Schluss einen unberechtigten Freistoß bekommen haben. Ich muss aber zugeben, dass wir in Frankfurt Glück mit einer Schiedsrichterentscheidung hatten. Oft gleicht sich das wirklich aus.

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14. Apr. 2010, sueddeutsche.de


Kerker mit 20 Insassen

Kein Geld, keine Zuschauer, keine Übertragungen im Fernsehen: In der Regionalliga können sogenannte Traditionsklubs kaum existieren.

Am Stuttgarter Schlossplatz, mitten in der Innenstadt, haben sie gerade eine Ausstellung über den Fußball im Südwesten eröffnet. Der Titel - "Gefühle, wo man schwer beschreiben kann" - basiert auf einem Bonmot von Jürgen Klinsmann und dürfte Touristen aus Hannover oder Berlin vor Schreck zusammenzucken lassen. Der Stürmer hatte bei aller Freude über den EM-Sieg 1996 vergessen, dass das ein Satz ist, wo außerhalb vom Südwesten ein wenig merkwürdig klingt.

In der Stadionzeitung der Kickers haben sie der Ausstellung eine ganze Seite gewidmet, und das längst nicht nur, weil darin auch ein Plakat gezeigt wird, das für ihr Freundschaftsspiel gegen Real Madrid warb, 1963. Nein, Klinsmann haben sie hier oben in Degerlochs Höhen als einen der Ihren im Gedächtnis behalten. Als den bekanntesten unter vielen Fußball-Prominenten, die ihre Karriere hier gestartet haben. Wie Guido Buchwald, Karl Allgöwer, Fredi Bobic und all die anderen.

In der Ewigen Tabelle der zweiten Liga belegen die Kickers Platz drei, Darmstadt 98 Rang zwölf. An diesem Donnerstagabend treffen die beiden Traditionsklubs beim Nachholspiel der Regionalliga Süd aufeinander - vierte Liga ist das. Tom Eilers hat schon mal einen Blick ins Stadion geworfen. "Mau", sagt er, "keine zweitausend Zuschauer." Der Jurist berät das Darmstädter Präsidium.

Und wer seine ausladenden Hände sieht, kann sich nicht vorstellen, dass er sich früher als Zweitligakeeper überhaupt werfen musste, um an die Bälle zu kommen. Heute ist Darmstadt Vorletzter der Regionalliga Süd, am Ende der Saison wäre Eilers heilfroh über den Klassenerhalt. Dabei hält er diese Liga für ein Auslaufmodell: kaum Fernsehgeld, und gleich sieben U23-Mannschaften von Profivereinen (Nord: sechs, West: acht).

Teams wie Wehen-Wiesbaden II also, die weder in Wiesbaden noch in Darmstadt jemand sehen will. "Eine Ausbildungsliga mit Zweitmannschaften", stöhnt Eilers, "die Wahrnehmung der Regionalliga ist katastrophal." Nur einmal im Jahr, beim Lokalderby, empfinde er etwas, das ihm ansonsten bei den Heimspielen abgeht: "Wenn wir gegen Hessen Kassel spielen, hat man das Gefühl, wir sind beim Fußball."

Was ihm vorschwebt, ist eine zweigleisige vierte Liga ohne U23-Teams. Jeder hätte mehr Geld, die Begegnungen wären attraktiver. Ob er mit baldiger Realisierung seiner Pläne rechne? Eilers lächelt etwas säuerlich.

Auch Rüdiger Bartsch kostet es hörbar Mühe, höflich über die Liga zu sprechen. Bartsch ist Manager des 1.FC Magdeburg. Der Verein hat den 102-maligen Nationalspieler Joachim Streich und Jürgen Sparwasser hervorgebracht. Neben Dynamo Dresden war der FCM zu DDR-Zeiten der wohl populärste Verein. Auch deshalb berichtet der MDR ellenlang von den Spielen in der hochmodernen Magdeburger Arena, während andere dritte Programme die vierte Liga komplett ignorieren.

"Klar unterbezahlt" sei man mit den 90.000 Euro, die der DFB an Fernsehgeldern pro Regionalligist ausschüttet, findet Bartsch. Wer von der ersten in die zweite Liga absteige, bekomme statt zwölf Millionen Euro nur vier, also ein Drittel. Aber als Viertligist bekommen man nur ein Zehntel von einem Drittligisten. "Da kann ja etwas nicht stimmen."

Heimspiel vor 95 Fans

Dabei gibt es in den drei Regionalligen, die nach der Ligareform 2008 entstanden sind, haufenweise Klubs, die den FCM beneiden. Dafür, dass seine Spiele überhaupt im Fernsehen stattfinden. Und dafür, dass er in seiner Stadt noch nicht vergessen wurde. Bartsch begrüßt im Schnitt 6000 Zuschauer, Rot-Weiß Essen, das sich im September vom ehrgeizigen Sportmanager Thomas Strunz trennte, kommt im Westen auf ähnliche Zahlen. Auch der 1.FC Saarbrücken und Preußen Münster sind populär. Die meisten anderen Traditionsvereine wie Eintracht Trier, Waldhof Mannheim, der Hallesche FC oder der VfB Lübeck haben kaum mehr als 2.500 Zuschauer. Der FC Oberneuland, ein Klub aus einem Bremer Nobelvorort, begrüßte am vergangenen Wochenende 95 Fans.

Darüber können sich die Magdeburger Anhänger amüsieren, sportlich sind die Perspektiven an der Elbe jedoch nicht viel besser als im Bremer Umland. In der Regionalliga Nord beharken sich Teams aus neun Bundesländern, darunter viele Vertreter der einstigen DDR-Oberliga, der damals höchsten Spielklasse. Doch der FCM, Halle und Chemnitz fürchten, dass sie in der übernächsten Spielzeit viertklassig sind. Denn aus der fünften Liga drängt Red Bull Leipzig nach - der Klub plant mit sehr viel Geld den Marsch durch die Fußball-Institutionen.

Doch die Tristesse in der vierthöchsten Spielklasse hat längst nicht nur strukturelle Gründe. Die Viertklassigkeit ist vielerorts die Strafe für das, was unfähige Manager, überteuerte Spieler und jede Menge provinzieller Größenwahn gerade bei den Traditionsvereinen angerichtet haben - beim traditionsreichen SSV Ulm von 1846 etwa, der die erste Liga bis heute nicht verkraftet hat. Allerdings ist die Regionalliga ein Kerker mit 20 Gefangenen.

Und nur einer davon darf Jahr für Jahr auf Begnadigung hoffen. Aufgestiegen sind in den vergangenen Jahren meist Vereine wie Hoffenheim, Wehen Wiesbaden, Paderborn, Augsburg - Klubs, die einen wohlhabenden Gönner im Rücken wissen. Tabellenerster im Süden ist der VfR Aalen, ein Verein, der die Herzensangelegenheit eines reichen Schrotthändlers ist. Eine Spielklasse darüber, in der eingleisigen Dritten Liga, sind die Klagen hingegen leiser geworden: 825.000 Euro bekommen die Klubs (ausgenommen Zweitvertretungen der Erstligisten), die Sportschau überträgt jeden Samstag. Zwei, bei Gewinn des Relegationsspiels sogar drei Drittligisten steigen auf. Und es gibt nur vier U23-Teams von Profiklubs. In den drei Regionalligen sind es 21.

Ersatztorwart im Sturm

Dort geht derzeit vielen Klubs das Geld aus. Schon Ende Oktober meldete der Goslarer SC (Nord) erhebliche Finanzprobleme, Eintracht Bamberg bittet die Fans um Geld. Ähnlich desaströs ist die Lage beim Bonner SC (West), wo Präsident Tobias Kollmann, ein Wirtschaftsprofessor, sein Amt niedergelegt hat. "Die finanziellen Rahmenbedingungen erlauben es nicht, die gute Arbeit fortzuführen", zitiert ihn der Kicker.

Bereits im März waren die Spieler in einen Trainingsstreik getreten, weil sie zu lange auf die Gehälter warten mussten. Auch der einstige Zweitligist SSV Reutlingen hat die Segel gestrichen und hofft, dass das Insolvenzverfahren im Juni eröffnet wird. Im optimalen Fall darf man in der fünftklassigen Oberliga weiterkicken. "Der SSV brachte die meisten Zuschauer und die meisten Einnahmen. Die fallen jetzt weg", sagt der Geschäftsführer des SC Pfullendorf, Manfred Vobiller. Die Regionalliga sei nicht finanzierbar.

Auch bei TeBe Berlin, der Hans Rosenthal zu seinen Präsidenten und den Kabarettisten Wolfgang Neuss zu seinen Sympathisanten zählte, bangte Trainer Thomas Herbst bis zuletzt, ob das Derby gegen die zweite Mannschaft von Hertha BSC stattfinden könne. Die Spieler, die zum Teil seit Monaten kein Geld mehr bekommen haben sollen, hatten einen Boykott des Spiels erwogen. Unterstützt wurden sie dabei von Coach Thomas Herbst, der wusste, dass mancher Spieler seine Miete nicht mehr bezahlen konnte.

Weniger einfühlsam zeigte sich jedoch ein gewisser Werner Lorant, der kurz zuvor als (angeblich ehrenamtlicher) Sportdirektor installiert worden war: "Wer nicht will, soll zu Hause bleiben." Nach dem Spiel gab es dann wieder Geld für die Spieler, zumindest behauptet das der Verein. Doch offenbar war nicht jeder Akteur von der Wiederentdeckung der Zahlungsmoral überzeugt. Am vergangenen Samstag saßen gegen den Chemnitzer FC nur drei Spieler auf der Bank - in der Nachspielzeit wechselte Trainer Herbst Stürmer Florian Beil aus und brachte Timo Hampf. Zur Gaudi des Publikums debütierte der Ersatztorwart im Sturm.

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Bayer verfängt sich im Klischee, 7. März 2010, Spiegel Online


Mit der Niederlage in Nürnberg bestätigte Leverkusen ein fast vergessenes Vorurteil: Wenn es darauf ankommt, patzt das Team regelmäßig. Statt die Tabellenführung zurückzuerobern, verlor man gegen einen Abstiegskandidaten - jetzt müssen Spieler und Trainer die "Vizekusen"-Spötter widerlegen.

29 Minuten war die Partie schon alt, als die Nürnberger Fankurve erstmals ein Lied anstimmte, das seit Jahren zum Repertoire in 17 von 18 Bundesliga-Fanszenen gehört: "Ihr werdet nie deutscher Meister", ein Spottgesang auf die chronische Titellosigkeit von Bayer Leverkusen, schallte es durchs weite Rund. Kurz darauf hatte Bayer Leverkusen mit der Niederlage bei den wackeren Nürnbergern tatsächlich ein Klischee bestätigt, das man eigentlich für veraltet gehalten hatte. Dass Leverkusen zwar schönen Fußball spielt, aber immer dann versagt, wenn es darauf ankommt, die Früchte der eigenen Arbeit zu ernten.

Bayer 04 hätte am Ende des 25. Spieltages die Tabellenspitze belegen können, schließlich hatten die Bayern am Vortag beim 1. FC Köln gepatzt. Es wäre dazu allerdings ratsam gewesen, beim Aufsteiger 1. FC Nürnberg zu gewinnen. Stattdessen unterlag man 2:3 - verdient, wie nach dem Spiel fast alle Beteiligten fanden. "Wir haben den Nürnbergern viel zu viel Raum gelassen", ärgerte sich Stefan Kießling. Sein Team sei stabil genug, um sich wieder zu berappeln: "Bayern hat in dieser Spielzeit schon dreimal vorgelegt, und wir haben dreimal nachgelegt. Da lassen wir uns doch keine Krise einreden."
Auch Manager Rudi Völler wäre am liebsten allen Reportern an die Gurgel gesprungen, die aus der Niederlage mehr herauslesen wollten als eine Niederlage. "Wir haben die erste Halbzeit verschlafen und erst in der letzten halben Stunde gezeigt, was wir können." Ansonsten seien noch neun Partien zu spielen, die Saison also bei drei Punkten Rückstand auf die Bayern (und einem auf Schalke) längst nicht gelaufen. Man müsse eben demnächst wieder über 90 Minuten so spielen, wie in der Schlussphase im Fränkischen.

Heynckes analytisch, Bayers Innenverteidigung fahrlässig

Etwas analytischer ging Trainer Jupp Heynckes zu Werke, der eine eigene Mitschuld am Debakel nicht ausschließen wollte. Das Team müsse wieder zu sich selbst finden, forderte er, "wir müssen wieder wie Bayer 04 spielen, mit einem Schuss Risiko." Durch diese Direktive, so Heynckes nach dem Spiel, habe er sein Team vielleicht zu sehr nach vorne getrieben. "So darf man im Defensivverbund aber einfach nicht auftreten."

Tatsächlich war es schon grob fahrlässig, wie die Leverkusener Innenverteidigung die beiden Treffer durch Eric Maxim Choupo-Moting (43./45.) ermöglichte. Bei punktgenauen Pässen spricht man ja seit einiger Zeit gerne von einem Ball "in die Schnittstelle der Abwehr". Was sich beim zweiten Treffer in der Leverkusener Defensive auftat, war jedoch keine Schnittstelle, sondern eine klaffende Wunde. Keeper René Adler dürften die Schlampereien seiner Vorderleute besonders geärgert haben - der DFB hatte Torwarttrainer Andreas Köpke an seine alte Wirkungsstätte beordert. Prompt ließ sich auch Adler von den Schlampigkeiten anstecken. Beim dritten Nürnberger Treffer (Tavares, 55.) reagierte er doch ein wenig zu gemächlich.

Auch andere Leverkusener Korsettstangen gönnten sich in Nürnberg eine Auszeit vom Topniveau. Sami Hyypiä, ansonsten einer der Bundesligaspieler mit der geringsten Fehlerquote, hatte nicht nur einen Aussetzer. Artur Vidal, dessen Spiel an guten Tagen eine Augenweide ist, misslangen einfachste Abspiele. Überhaupt machten die Rheinländer in der ersten Hälfte durch auffallend viele Fouls auf sich aufmerksam, die meisten davon harmlos. Doch als Stefan Reinartz mit gestrecktem Bein in den Nürnberger Innenverteidiger Breno fuhr, war er mit der Gelben Karte weit besser bedient als der Brasilianer, der bei der brutalen Aktion möglicherweise einen Kreuzbandriss erlitt. Selbstverständlich haben auch Schalke 04 und vor allem Bayern München - erinnert sei an das großartige Spiel gegen Juventus Turin in der Champions League - in dieser Saison schon meisterwürdige Leistungen gezeigt. Doch es gibt wohl nicht viele Fußballfreunde, die bestreiten würden, dass Leverkusen das Team ist, das über die gesamte bisherige Saison gesehen, spielerisch am meisten überzeugte. Und nicht nur das: Seit Jupp Heynckes, der ebenso erfahrene wie lernfähige Fußball-Fachmann, das Steuer übernahm, schien zur spielerischen Klasse eine neuartige mentale Stabilität hinzuzukommen. Bis zu dem merkwürdig blutleeren Auftritt am Sonntagnachmittag hatte man geglaubt, Bayer habe in dieser Saison endlich seine geradezu sprichwörtliche Labilität abgelegt.

Wer am Sonntag Stefan Kießling und mach anderen Leverkusener Spieler beobachtete, hat zumindest einen neuartigen Trotz kennengelernt. Sie wollen sie nicht mehr hören, die abgewetzten Lieder und die schalen "Vizekusen"-Witzeleien. Noch haben sie es in der Hand, sie zum Verstummen zu bringen. Vorausgesetzt, Bayern und Schalke lassen sich auch noch mal von einem vermeintlichen Underdog aufs Glatteis führen.

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Mainz in Freiburg, 22. März 2010, FR-online.de


Nach zehn Minuten wurde es laut im Freiburger Stadion - noch lauter als man das nach einem Führungstreffer in einem wichtigen Spiel erwarten muss. Gerade hatte Johannes Flum aus 25 Metern getroffen. Zweieinhalb Stunden später feierten die SC-Fans ihre Lieblinge, als hätten die sich gerade für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert. Auch die Mainzer Spieler tappten frohgemut zu ihren Anhängern, die sich so gut gelaunt gaben wie man das dem Anhang der Rheinhessen seit jeher nachsagt.

Tatsächlich hatten beide Seiten nach dem 1:0 Sieg des Freiburger Grund zur Freude. Der SC, weil er nun nach Punkten wieder zum Relegationsplatz aufgeschlossen hat. Und Mainz 05, weil es ja stimmt, was ihm Freiburgs Coach Robin Dutt attestierte: "Kompliment für eine außer-außergewöhnliche Saison. Der Erfolg ist kein Zufallsprodukt." Die Mannschaft spiele taktisch hervorragend und beeindrucke auch fußballerisch. Doch so sehr das für den bisherigen Saisonverlauf zutreffen mag - am Samstag nahm sich der FSV über weite Strecken der Partie eine Auszeit. "Die Frische fehlte", befand Coach Thomas Tuchel. "Die haben uns von Beginn an aggressiv angelaufen", assistierte Keeper Heinz Müller, "man hat gemerkt, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen."

Gerade einen Heimsieg hatten die Freiburger bis dahin zustande gebracht, drei mickrige Unentschieden - in zwölf Heimspielen. Mit solch einer Bilanz kann man eigentlich Mitte März schon beruhigt für die Spiele gegen Fürth und Paderborn planen. Doch spätestens, als 26 Minuten später die 1:0-Führung des VfB Stuttgart gegen Hannover über die Anzeigentafel flimmerte, war klar: Der 27. Spieltag würde so wichtig werden, wie das Trainer Robin Dutt vor dem Spiel prophezeit hatte.

Die Freiburger hatten allerdings das Glück, dass ihr Gegner mindestens eine Halbzeit lang mit der Körperspannung eines Badegastes im Whirlpool spielte. Mit dem Abstieg hat das Team seit längerem nichts mehr zu tun. Und dass man schon reif für den internationalen Wettbewerb sei, glaubt selbst beim Aufsteiger kaum einer. Eine Entschuldigung für die schlampigen Abspiele, die das Mainzer Mittelfeld dutzendfach anbot, darf das allerdings nicht sein. Als Innenverteidiger Bo Svensson Mitte der ersten Hälfte Eugen Polanski herzhaft anschrie, hätte er sich auch dessen Kollegen Andreas Ivanschitz oder Miroslav Karhan zur Brust nehmen können: Alle drei nahmen recht gleichgültig hin, dass sich die Gastgeber immer wieder ungeniert dem Mainzer Strafraum nähern konnten. Erst als zur Halbzeit André Schürrle in die Partie kam, wurde es einmal gefährlich für Freiburgs Keeper Simon Pouplin (53.), ansonsten hatte der SC die Partie weitgehend im Griff: "Die hatten eine Aktion", rechnete Freiburgs französischer Keeper vor, "wir hatten vier, fünf, sechs..."

Natürlich kann man diese Zahlenspiele auch umdrehen. Man müsste sich dann wohl fragen, ob es nicht erschreckend ist, wie fahrlässig in der Schlussphase Chancen versiebt wurden. Doch solche Fragen stellt niemand, wenn zuvor zwölf Spiele am Stück nicht gewonnen wurden, die fußballerischen Selbstzweifel Woche für Woche drängender werden, und draußen die Anhänger das Team feiern, als ob es sich gerade für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert hätte. "Jetzt sieht es wieder so aus, als ob fünf, sechs Mannschaften den Abstieg unter sich ausmachen", freute sich Dutt. Mainz 05 gehört nicht dazu, weshalb Tuchel schnell den Blick für das große Ganze wiederfand: "Die Weiterentwicklung der Mannschaft läuft nur über Niederlagen."

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Gewaltbereite Fußballfans, 15. März 2010, taz


Das Gros der deutschen Ultras ist friedlich, doch wie der Ausbruch der Gewalt in Berlin zeigt, findet an den Rändern der Szene eine zunehmende Radikalisierung statt.

Mitte der ersten Halbzeit wurde in der Südkurve der Münchner Arena ein Transparent hochgehalten, wie man es in deutschen Fankurven oft liest: "Gegen Bannmeilen für Kutten, Hools und Ultras", war darauf zu lesen. Der Zeitpunkt für diese Forderung hätte besser sein können. Gerade einmal eineinhalb Stunden zuvor hatten sich im Berliner Olympiastadion Szenen abgespielt, die den Druck auf die Ultra-Szene bundesweit verschärfen dürften. Mitten in einem WM-Stadion hatten Spieler, Funktionäre und Ordner nach dem Schlusspfiff panisch in die Katakomben fliehen müssen, weil ein mit Stangen bewaffneter Mob das Spielfeld stürmte. Dass die Forderung, solche Szenen künftig mit allen Mitteln zu verhindern, seit Samstagnachmittag deutschlandweit populärer ist als Günther Jauch, kann eigentlich niemanden wundern. Zumal der Gewaltexzess aus der Hauptstadt nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung ist, die Funktionäre und Fanaktivisten zugleich erschreckt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da grenzten sich die Ultras von jeglicher Gewalt ab. Bis vor ein paar Jahren war das mehr als eine Schutzbehauptung. Heute hat sich das grundlegend geändert. Das Gros der deutschen Ultras ist nach wie vor friedlich. Doch die zunehmende Gewalt an Spieltagen geht fast ausschließlich auf das Konto der Szene. Spätestens Ende der 90er-Jahre hatten die Ultras in fast allen deutschen Stadien die Regie in den Fankurven übernommen. Man entwarf eigene Fanartikel, bastelte Choreografien für den Spieltag und dichtete eigene Lieder. Noch heute wirkt die Szene so attraktiv, dass sich viele junge Fans nach einem ersten Stadionbesuch den Ultras anschließen. Langjährige Dauerkartenbesitzer hingegen wunderten sich schon damals, dass die meisten der angeblich kompromisslosesten Fans des Vereins nicht viel über das Spielgeschehen berichten können, weil sie beim Fußball der Fußball weniger interessiert als das Geschehen in den Kurven. Die Ultra-Kultur unterscheidet sich fundamental von althergebrachten Gepflogenheiten in der Kurve. Und das auch positiv: Viele Ultra-Gruppierungen sprechen sich gegen minderheitenfeindliche Slogans aus, an vielen Orten geht es ziviler zu als noch vor einem Jahrzehnt.

Und dennoch: Die Zeiten, in denen Ultras vor allem positiv wahrgenommen wurden, sind vorbei. Dass gegnerischen Anhängern die Schals gewaltsam abgenommen werden, ist vielerorts zum Ritual geworden. Immer öfter werden Züge überfallen, in denen Fans anderer Vereine zu den Spielen anreisen. Ende November verabredeten sich Dortmunder und Schalker Ultras, um sich beim A-Jugend-Derby zu prügeln - das Spiel wurde abgebrochen. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit schlugen sich Ende Januar in Nürnberg 50 Frankfurter Ultras mit ihren Kontrahenten - mitten in einem Bundesligastadion. Erst nachdem sie aufeinandergeprallt waren, konnten Ordner und Polizei die Lager trennen.

Die Wahrnehmung der Ultras ist eine andere. Für sie hat die Polizei die Verrohung der Sitten herbeigeführt. Vereinzelte Gewaltexzesse durch Spezialeinheiten - am Rande des Pokalspiels beim FC Bayern wurden zahlreiche friedliche Fürther Anhänger verletzt - bestärken die Ultras in ihrer Auffassung. Tatsächlich tendiert die Aufklärungsquote bei internen Ermittlungen der Polizei gegen null, der Corpsgeist scheint dort genauso stark ausgeprägt zu sein wie bei den Ultras.

Ende Februar überfielen Frankfurter Ultras das Karlsruher Fanprojekt - es gab mehrere Verletzte. Die sozialarbeiterisch tätige Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) warnte daraufhin ungewohnt deutlich vor einer weiteren Eskalation: "Ganze Gruppen bzw. ganze Ultra-Szenen sind dazu bereit, Grenzen zu überschreiten", heißt es. Die BAG, die sich bislang auch als Ansprechpartner für die Ultras begriff, will klären, ob auf der anderen Seite noch Dialogbereitschaft besteht.

Viele Vereinsvertreter halten diese Frage für beantwortet. Nachdem Nürnberger Ultras beim Spiel in Bochum Magnesiumpulver entzündeten - durch die bis zu 3.000 Grad heiße Substanz verletzten sich neun Ultras (drei davon schwer) -, reagierte der Verein umgehend. Wer den FCN begleiten will, bekommt die Tickets künftig nur noch gegen Vorlage des Personalausweises. Ein Eingriff in den Datenschutz, unter dem künftig alle Nürnberg-Anhänger leiden werden. Beim Sieg gegen Leverkusen hatten Nürnberger Fans gegenüber der Ultra-Kurve ein Transparent angebracht. "Ihr seid nur Brandstifter, keine Club-Fans."

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Die Republik empört sich über eine Plastikflasche. Warum eigentlich?, Apr. 2010, RUND


Eines vorweg: Es ist wunderbar, dass die meisten Menschen gelassener auf Beleidigungen reagieren, als Paolo Guerrero das getan hat. Wäre dem nicht so, wären wohl alle Straßen von Föhr bis Altötting so von Glasscherben und zerdetschten Plastikflaschen gesäumt wie früher die Reeperbahn nachts um halb eins.

Um genau das zu dokumentieren, hat der HSV eine Geldstrafe für seinen Stürmer ausgesprochen. Wer schon einmal erlebt hat, wie erbittert hochbezahlte Profis um einige hundert Euro Gage für die Autogrammstunde bei der Baumarkt-Eröffnung feilschen, weiß, dass die angeblichen 50.000 bis 100.000 Euro dem Spieler richtig wehtun. Der HSV hat also alles richtig gemacht.

Es wäre schön, wenn man das von uns Medienheinis auch sagen könnte. Kann man aber nicht. Rand-Erscheinungen, wie sie noch vor 10 Jahren konsequenterweise allenfalls eine Rand-Notiz wert gewesen wären, bestimmen auch in seriösen Blättern über Tage die Berichterstattung. Wichtig ist eben nicht mehr auf dem Platz – zumindest nicht für viele Sportressorts. Lehmann reist nicht im Mannschaftsbus ab, Podolski ohrfeigt Ballack, Guerrero wirft eine Plastikflasche. Kann man das alles nicht geflissentlich dem „people“-Ressort überlassen? Offenbar nicht, also wird in jede Banalität zeilenweise Bedeutung hineininterpretiert. Eine Plastikflasche wird dann folgerichtig zum Symptom einer tiefgreifenden HSV-Krise. Beim Überbietungswettbewerb der medialen Straffindung hätte zu Beginn der Woche auch in liberalen Medien nicht mehr viel bis zur Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe gefehlt.

Merkwürdig auch, dass bei all der Empörung über den unerzogenen 26-Jährigen merkwürdig viel Verständnis für den verbalen Amoklauf des getroffenen Fans mitschwingt. Da wird einfühlsam vom „eingefleischten“ HSV-Fan geschrieben. Als seien Leute, die im Hassdelirium „Hurensohn“, Wichser“ und wohl auch „Schwuchtel“ brüllen, nicht einfach nur eingefleischte Idioten. Würde der eingefleischte HSV-Fan eigentlich seine Kinder „Wichser“ nennen oder seinen Nachbarn „Hurensohn“? Würde er seinem Chef sagen, er solle sich doch nach Lüneburg verpissen? Natürlich nicht. Die bürgerliche Fassade wird nur samstags gelüftet. Im Fußballstadion, dieser riesigen Bühne für Neurotiker.

Und wie hunderttausende andere Fans sehnt sich offenbar auch unser HSV-Freund nach den guten alten Zeiten, als in München die Schwarzenbecks, in Bochum die Lamecks und beim HSV die Seelers spielten. Weshalb er ebenfalls herausblökte, Guerrero möge „zurück nach Peru.“ Mit Rassismus hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Nur mit viel kindlichem Blut-und-Bodensatz, der im Fußball gemeinhin als „Nostalgie“ verklärt wird. Schon grotesk, dass Menschen, die im Gegensatz zu ihren Vorfahren im Urlaub längst nicht mehr an ein frostiges Ostseebad, sondern nach Indonesien oder Namibia fliegen, ausgerechnet im Fußball eine Welt suchen, die der Globalisierung trotzt. Wenn der Nachwuchsspieler aus dem Hamburger Vorort allerdings wider Erwarten doch nur ein Vorortspieler und kein Ronaldo ist, ist der Trainer Schuld. So ist Fußball. Schön blöd.

Als Zuschauer darf man eben offenbar alles – es sei denn, man hat sich ein Stehplatzticket gekauft, dann gilt man als möglicher Krimineller. Dem Fan, der Eintritt zahlt, geben Funktionäre und Medienleute ansonsten immer Recht. Auch wenn das so populistisch ist wie bei den Politikern, die immer genau wissen, was „die Menschen da draußen“ so empfinden. Kein Wunder, dass die dermaßen gebauchpinselten Konsumenten so gerne laut kundtun, dass sie „die Schnauze voll“ haben, „euch kämpfen sehen“ wollen, oder eben alle „schwule Söldner“ seien. Im maximalen Zirkus Fußballbundesliga senkt das Volk gerne den Daumen. Ein ehemaliger taz-Autor aus dem sonnigen Freiburg hat diese Geisteshaltung einmal „Arbeitgebermentalität“ getauft. Harte Worte – aber keinen Deut zu hart.

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Über die Rückkehr von Schiedrichter Kempter, 12. Apr. 2010, sueddeutsche.de


Im Schutz des DFB kehrt Referee Michael Kempter in der dritten Liga auf den Rasen zurück. Befürchtete Pöbeleien bleiben aus, doch der Schatten der Amerell-Affäre begleitet ihn.

Für den SV Sandhausen ist Besuch aus Dresden, Osnabrück oder Offenbach ein freudiges Ereignis. Das Vereinsheim des Klubs, der sich im Schatten der 25 Kilometer entfernten TSG Hoffenheim eine Nische einzurichten versucht, bietet an Spieltagen ein wechselndes Tagesgericht an, das auch den Gäste-Fans schmecken soll. Gegen Holstein Kiel stand am Samstag Mittag Fischgulasch auf der Speisekarte. In der dritten Liga gibt es also weiß Gott ungastlichere Orte als Sandhausen. Zumal es sich bei den Anhängern des Drittligisten um das Familienpublikum handelt, das an proletarischeren Standorten erst noch mühsam geworben werden muss.

Ortskundige wunderte es deshalb auch nicht, dass das 14.000-Einwohner- Städtchen für das Comeback von Schiedsrichter Michael Kempter ausgewählt worden war, nachdem dessen Psychologe befunden hatte, ein Einsatz sei nun genau das Richtige für "den jungen Mann" (DFB-Präsident Theo Zwanziger). Als der 27-Jährige nach 92 Minuten Nettospielzeit abpfiff und mit seinen Assistenten zur Kabine schritt, klatschte die Haupttribüne im Hardtwaldstadion. Den Test, wie das deutsche Fußballpublikum reagieren würde, nachdem so viel Privates öffentlich wurde in der - juristisch noch völlig ungeklärten - Affäre mit Manfred Amerell, dem Kempter sexuelle Nötigung vorwirft, hat das Publikum in der Kurpfalz bestanden. Pöbeleien blieben aus, die befragten Zuschauer bekundeten jedenfalls, wie "tolerant" und "liberal" sie seien.

Es schloss sich eine so genannte Presserunde an, bei der die Presse keine Fragen stellen durfte. Kempter betonte, wie sehr ihn der wohlwollende Empfang gefreut habe. Auch die Spieler hätten sich für seine Leistung bedankt, erzählte Kempter nach einer von zwei abgesprochenen Fragen, die der Stadionsprecher nach Rücksprache mit dem DFB formuliert hatte. So läuft moderne Öffentlichkeitsarbeit.

Erst Freitagmittag war bekannt geworden, dass Kempter tags darauf wieder ein Pflichtspiel leiten würde. Das sei keine außergewöhnlich kurzfristige Ansetzung, behauptete DFB-Emissär Stephan Brause vor Ort. Um Wettmanipulationen zu erschweren, setze man die Referees so kurzfristig an. Kempter, so Brause, habe man geraten, vor dem Spiel freundlich, aber wortlos an den Journalisten vorbeizugehen. Es war eigens ein schwer tätowierter Bodyguard engagiert worden - aus Angst vor möglichen Übergriffen. Sogar die Vorstellung, dass Manfred Amerell persönlich vorstellig werden könnte, hielt man beim DFB offenbar nicht für abwegig. Beides trat nicht ein. "Heute waren mehr Kamerateams als Fans da", sagte Stürmer Régis Dorn hernach, "das war das Außergewöhnliche."

Auch fachlich gesehen hätte sich der Referee kaum eine dankbarere Partie wünschen können. Das Spiel verlief in bescheidenem Tempo; dennoch musste Kempter oft einhaken. Dabei bewies er Überblick: Die fünf gelben Karten waren unvermeidlich. Wo die Vorteilregelung angewandt werden konnte, machte er von ihr - bis auf eine Ausnahme in der Schlussphase - Gebrauch.

Auch, als nach Seitenwechsel der Unmut über das mit zahlreichen ehemaligen Bundesligaspielern (Roberto Pinto, Régis Dorn, Matias Cenci) besetzte Heimteam hochkochte, blieb Kempter souverän - allerdings hatte seine Karriere ja auch nicht aus fachlichen Gründen geruht.

"Ich hoffe, dass er noch oft dritte Liga pfeift", flachste Kiels Trainer Christian Wück nach dem 1:1-Endstand, der seiner Elf kaum noch Chancen auf den Klassenerhalt lässt. Er wollte das als Kompliment verstanden wissen: "Kempter hat gezeigt, dass er nichts in der Liga zu suchen hat, sondern die Qualität für die erste Liga hat." Dort möchte Kempter bald wieder pfeifen. "Topfit" sei er und wolle den Blick "nicht nach hinten richten". Die vergangenen Monate seien "nicht so interessant gewesen", er könne "nur meine Leistung anbieten und hoffen, dass die wieder nachgefragt wird". Doch das dürfte sehr davon abhängen, zu welchem Urteil die Richter kommen werden, die in der Causa Amerell/Kempter befinden müssen, wer gelogen und wer die Wahrheit gesagt hat.

Kampf um den Fußball (PDF)

Kampf um den Fußball, Stern, Januar 2010


Türöffner für Neonazis open.png

Über rechte Gewalt im Leipziger Fußball, 27.10.2009, Süddeutsche Zeitung


Seit Jahren schüren Rechtsextremisten auf den Fußballplätzen im Leipziger Umland ein Klima der Angst - auch deshalb, weil Behörden und Vereine das Problem offenbar unterschätzen.

Bezirksligaspiele sind eigentlich beschauliche Veranstaltungen. Ältere Herren beobachten ihre Schwiegersöhne beim Kicken, nach dem Spiel wartet auf die Spieler oft das gemeinsame Bier in der Vereinsgastsstätte. Doch in Leipzig und Umgebung kann man von solch idyllischen Zuständen nur träumen. Wenn der "Rote Stern Leipzig" (RSL), ein aus dem alternativen Stadtteil Connewitz stammender Klub, seine Auswärtsspiele bestreitet, ruft das die lokale rechte Szene auf den Plan: "Zehn bis 15 Neonazis waren bislang bei so gut wie allen unseren Auswärtsspielen im Umland", berichtet ein Fan, der seine Mannschaft auch am Samstag in ein etwa 20 Kilometer östlich von Leipzig gelegenes Städtchen begleitete.

Das Spiel beim FSV Brandis war noch keine zwei Minuten angepfiffen, als 60 Neonazis durch einen Seiteneingang ins Stadion stürmten und die etwa 150 Gästefans angriffen. Binnen kurzem tobte auf dem Spielfeld eine Schlägerei, bei der Flaschen, Eisenstangen und Holzlatten zum Einsatz kamen. Auch Spieler und Offizielle wurden angegriffen, drei RSL-Fans wurden schwer verletzt. Der Schiedsrichter hatte das Spiel zu diesem Zeitpunkt längst abgebrochen.

Als nach gut einer Viertelstunde weitere Polizeikräfte anrückten, waren die Neonazis nach Angaben der RSL-Fans bereits in die Flucht geschlagen. Das gelang auch deshalb, weil zum Spiel in Brandis weit mehr Fans als üblich angereist waren. In der linken Szene Leipzigs kursierten bereits Wochen zuvor Hinweise auf einen drohenden Angriff der Rechten an diesem Tag. "Komisch", so ein RSL-Fan, "ausgerechnet dort, wo die Buschtrommeln unüberhörbar getrommelt haben, waren so gut wie keine Beamten da". Michael Hille von der Polizeidirektion Westsachsen sagt, es habe keine konkreten Hinweise gegeben: "Selbstverständlich reagieren wir, wenn es Hinweise auf geplante Straftaten gibt."

Strategischer Überfall

Offenbar hatte man auch beim ausrichtenden Verein schon vor Anpfiff geahnt, dass das Spiel gestört werden würde. Nach Angaben der RSL-Fans sei man per Stadionlautsprecher aufgefordert worden, eine Geradenseite zu räumen, weil "die Dummen noch kommen". Dass die dann tatsächlich kamen, lag auch an der Mithilfe eines Ordners, der den außerhalb wartenden Neonazis einen separaten Eingang geöffnet hat, wie FSV-Verantwortliche einräumen. Dass es sich bei dem Mann selbst um einen Rechtsextremen handelt, war dem FSV nach Informationen der Leipziger Volkszeitung bekannt. Beim Verein hatte man offenbar geglaubt, der Mann würde seine Pflichten als Ordner ernster nehmen als seine politischen Loyalitätszwänge. Wes Geistes Kind die Angreifer waren, ist unstrittig, auch die Polizei spricht in einer Pressemitteilung von "Personen aus dem rechten Spektrum".

Beim "Roten Stern" konkretisiert man: "Das war eine Mischung aus rechten Hools und einschlägig bekannten Neonazis aus dem Muldentalkreis." Die Gegend um die Kleinstadt Wurzen gilt als Hochburg der Rechtsextremen. Die Szene versucht seit Jahren, im Leipziger Umland ein Klima der Angst zu schüren, in dem politisch Andersdenkende sich nicht mehr getrauen, dem Hegemonialstreben der Rechten etwas entgegenzusetzen. Fachpolitiker von Linkspartei und Grünen gehen auch deshalb von einem strategisch geplanten Überfall aus.

Die Angegriffenen haben Anzeige erstattet - gegen unbekannt. Sobald klar sei, dass ein neues Zeugenschutzprogramm ihre Anonymität gewährleiste, wollen sie auch Namen nennen. In Leipzig ist es immer wieder zu Racheakten (sogenannten Hausbesuchen) durch rechte Fußballfans gekommen, wenn Personen aus dem linken Spektrum gegen sie ausgesagt haben.

Die drei schwerverletzten RSL-Fans haben offenbar Glück im Unglück gehabt. Noch am Sonntag hatte es so ausgesehen, als könne ein reglos am Boden liegen gebliebener Fan für immer erblindet sein. Den Ärzten gelang es jedoch, nachdem sein Jochbeinbruch abgeschwollen war, sein Augenlicht zu retten.

Auslandsreportage - „OM wird uns alle überleben" open.png

Reportage Olympique Marseille, RUND


Olympique Marseille ist der beliebteste Klub Frankreichs. In Marseille ist die Verehrung von OM die Voraussetzung, um in der Stadt geduldet zu werden. Doch wenn die Mafia die Aufstellung diktiert oder das Team schlecht spielt, schlägt die Liebe um: Mancher Spieler hat das Trainingsgelände schon im Kofferraum verlassen.

Nicht auszudenken, was das Trommelfell mitmachen müsste, wenn dieses Tollhaus auch noch überdacht wäre. Doch auch unter freiem Himmel vergeht Thomas Deruda Hören und Sehen. Nach fünf Sekunden erhält die Nummer 18 von OM zum ersten Mal den Ball, bei jedem Ballkontakt gellt von nun an ein schrilles Pfeifkonzert von den Rängen. Deruda muss am nächsten Tag eine Pressekonferenz geben, um die Fans zu besänftigen. Er sagt, dass er schon als Kind OM verehrt habe. Es wird ihm nichts nützen. Das Stade Vélodrome hat zu deutlich den Daumen gesenkt. Die 47.000 Zuschauer stehen auch heute gegen Valenciennes bedingungslos hinter ihrem Team. Es sei denn, es hat sich ein Spieler wie Thomas Deruda hineingeschlichen. Dessen Vater hat sich für den Geschmack der Fans ein wenig zu intensiv um die Karriere seines Sohnes gekümmert. Im Juli veröffentlichte „Equipe Magazine“ eine gut recherchierte Story über den Einfluss des kriminellen Milieus auf die Klubführung. Hauptbeschuldigter: Richard Deruda, der Vater von Thomas, den ein Lokaljournalist als „sehr gefährlichen Kleingangster“ bezeichnet. Deruda habe eines Abends an der Tür des damaligen Trainers Jean Fernández geklingelt und ihm zu verstehen gegeben, dass sein Sohn, der damals noch bei den Amateuren spielte, endlich einen Profivertrag unterschreiben müsse. Seine Argumente waren überzeugend: zwei muskelbepackte Bodyguards. Fast zur gleichen Zeit wurden mehreren OM-Spielern die Autos gestohlen. Unter anderem auch dem Portugiesen Delfim, dessen Stammplatz im defensiven Mittelfeld Deruda junior so gerne gehabt hätte. Delfim fand sein Auto einige Tage später vor der Schule, in die seine Kinder gingen. Er wechselte zu den Young Boys Bern.

Auch Trainer Luis Fernández, der Marseille nach Jahren der Tristesse wieder in die Champions League geführt hatte, brach im Sommer Hals über Kopf seine Zelte ab und flüchtete nach Auxerre. Dort, im idyllischen Burgund ist man seines Lebens sicher. Offiziell spricht Fernández nicht über die Gründe seines übereilten Abschieds aus Marseille. Dass er bedroht wurde, machte dennoch die Runde, sodass namhafte Trainer wie Didier Deschamps und Claudio Ranieri dankend ablehnten, die Nachfolge Fernández anzutreten. Stattdessen trainiert der brave Ur-Marseiller und ehemalige Cotrainer von Fernández, Albert Emon, nun OM. Und Deruda ist stets im Kader.

Das freut nicht nur Papa Deruda, sondern auch seinen Jugendfreund, den heutigen Sportdirektor José Anigo. „Mit Anigo erhält das Milieu Zutritt zur Entscheidungsebene des Klubs“, meint ein ehemaliger Vereinspräsident über Anigo. Undenkbar, dass Uli Hoeneß den Trainer von Bremen oder Schalke öffentlich als „Schwuchtel“ bezeichnet. Anigo kennt da keine falsche Scheu. Vor dem Ligacup-Finale in Paris zeigte er sich siegesgewiss und drohte in Richtung von Guy Lacombe, dem Trainer von Paris-Saint-Germain: „Ich werde ihm das Sperma aus dem Mund holen.“ Seit dem Samen-Eklat wimmelt Pressesprecher Grégory Cipriani alle Interviewanfragen für Anigo ab – mit einer Begründung, die Eingeweihte für fein ziselierten Sarkasmus halten: „José spricht nicht.“ Zumindest hätte das der Verein manchmal gerne. Pape Diouf, der als seriös und professionell geltende Präsident, mag dann auch nicht dementieren, dass Anigo mit seinen zahlreichen Loyalitätszwängen dem Erfolg im Wege steht. Der Zeitpunkt sich zu trennen sei allerdings nicht gekommen, „noch nicht“. In dem Maße wie Dioufs Aktien steigen, sinkt der Stern Anigos. Jetzt gilt es nur noch, den allmächtigen Gönner Jean-Louis Dreyfus zu überzeugen. Doch der Industrielle, der in den letzten zehn Jahren 200 Millionen Euro in OM investiert und damit in den Wind geschossen hat, hat sich noch nie mit der Alltagsarbeit aufgehalten.

„Wer dem Licht gegenüber unempfindlich ist, wird Marseille nie verstehen“, hat Jean-Claude Izzo in seiner grandiosen „Marseiller Trilogie“ geschrieben. Sicher hat auch der vor fünf Jahren gestorbene Romancier öfter den Umweg über die Corniche Kennedy genommen, wenn er vom Stade Vélodrome in die Innenstadt zurückkehrte. Von der Uferstraße aus schweift der Blick über das tiefblaue Meer, das im November in einem fast unwirklich hellen Licht glitzert. An Mandel- und Olivenbäumen vorbei nähert man sich allmählich dem Alten Hafen, dem Wahrzeichen der Stadt.

Als Ludwig XIV., der Sonnenkönig, beschloss, die Hafenmauern zu befestigen, richtete er die Kanonen nicht aufs Meer, sondern auf die Stadt, die schon damals als Widerstandsnest galt. Seither hat sich an der Haltung der Marseiller gegenüber der Hauptstadt nichts geändert, wie Izzo plastisch zu Papier bringt: „Ich schere mich einen Dreck darum, was für ein Bild man sich in Paris oder sonst wo von uns macht. Für Europa sind wir immer noch die erste Stadt der Dritten Welt.“ In Marseille fühlt man sich als „Méditerranéen“, als Mittelmeermensch, dem Tunis und Algier näher sind als Paris.

Das Leben hier spielt sich draußen ab, man nimmt sich Zeit. 27 Prozent der Marseiller leben unterhalb der Armutsgrenze, im Pariser Vorort-Département Seine-Saint-Denis, in dem regelmäßig Unruhen aufflammen, sind es 18. Und dennoch: Marseille ist kein zu groß geratenes Kreuzberger Straßenfest. Gerade im Marseiller Norden ist der Hass auf die Oberschicht spürbar, aber er ist weniger virulent als in anderen französischen Großstädten. Vielleicht, weil es hier weder Einheimische noch Fremde gibt. Nur Zugewanderte der ersten bis dritten Generation. Während Berliner Türken zu den drei Istanbuler Klubs halten und Hertha weitgehend ignorieren und bei Paris Saint-Germain der rechte Pöbel die Kurve regiert, gehen zu OM Menschen aller Hautfarben. Und das nicht erst seit 2004, als mit Pape Diouf ein gebürtiger Senegalese Präsident des Klubs wurde.

Joachim Barbier und Christoph Ruf

Eine gute Kinderstube open.png

Über Bayerns Sieg beim SC Freiburg, 19. Okt. 2009, Berliner Zeitung


Weil Nachwuchsmann Thomas Müller trifft und Freiburgs Du-Ri-Cha die Orientierung verliert, gewinnt der FC Bayern ein wenig Stabilität

FREIBURG. Irgendwann kam die Frage, die Uli Hoeneß um die mühsam an der Leine gehaltene Contenance brachte: "Ach, hören Sie doch auf mit dem Käse", sagte er, "kaum schießt jemand drei Tore, wird schon nach der Nationalmannschaft gerufen."

Die Sprache war auf die internationalen Perspektiven eines gewissen Thomas Müller, gebürtig in Weilheim/Oberbayern, gekommen. Der hatte erneut gut gespielt und das 1:0 beigesteuert (42.). Der junge Mann spielt insgesamt in dieser Saison so überzeugend, dass er einen Stammplatz bei den Bayern hat und jüngst von Bundestrainer Joachim Löw höchstpersönlich zum Kandidaten für die Nationalmannschaft erklärt worden war. Letzteres - und die zahlreichen Fragen danach - hatte Hoeneß zu einer heftigen Kulturkritik veranlasst. "Früher musste man ein Jahr so spielen, um nominiert zu werden", ereiferte er sich und bat dringend darum, die Worte "Müller" und "Nationalmannschaft" in keinerlei Sinnzusammenhang zu bringen. "Ihr Journalisten macht so ein Theater, bis Joachim Löw gar nicht mehr anders kann, als ihn zu nominieren."

Besagter Löw war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr am Ort des Geschehens - zusammen mit DFB-Trainerausbilder Frank Wormuth hatte er ein paar Minuten vor Abpfiff das Stadion verlassen. Noch im Auto dürfte ihn der lauteste Torjubel der Partie erreicht haben: In der Nachspielzeit hatte der eingewechselte Angreifer Stefan Reisinger den Treffer zum 1:2 erzielt (90 +2). Doch das Spiel war da längst entschieden.

Die entscheidende Szene hatte sich knapp eine halbe Stunde zuvor ereignet, Felix Bastians hatte sie so erlebt: "Scheiße", sagte der Abwehrmann und runzelte die Stirn, "und dann trullert der Ball auch noch so unendlich langsam rein." In der Tat war das Eigentor zum 0:2 eines der unnötigsten der jüngeren Fußballgeschichte. Im Umkreis von zehn Metern war kein Gegenspieler zu sehen gewesen, doch Du-Ri Cha hielt vor dem herauseilenden Keeper Simon Pouplin den Fuß dahin, wo er in dem Moment ganz sicher nicht hingehörte - und die Partie war entschieden (68.). Denn zuvor hatte Jungspund Müller eben die Führung erzielt. "Das war super, das war elegant", höhnte der taktlosere Teil der Bayern-Fans, während Cha gesenkten Hauptes nach dem Loch im Erdboden suchte, das bei solchen Anlässen immer unauffindbar ist.

Bayern-Trainer Louis van Gaal bewies bei der anschließenden Pressekonferenz eine deutlich bessere Kinderstube und unterschlug das Tor, das man nicht selbst erzielt hatte, galant: "Wir haben in der zweiten Halbzeit dominant gespielt, aber leider kein Tor geschossen." Umso mehr ärgerte er sich, dass man in der Nachspielzeit noch das 1:2 hinnehmen musste: "Über das Gegentor war ich sehr böse, der Ballverlust vorher war unnötig."

Auch die Anfangsphase hatte dem Cheftrainer der Bayern missfallen. Denn da hatte vor allem der SC jeden Quadratzentimeter des Rasens mit Leidenschaft beackert. Und war durch Julian Schuster (7.) und Mohamadou Idrissou (10.) auch zu richtigen Chancen gekommen. "Wir sind gut reingekommen", bilanzierte Freiburgs Kapitän Heiko Butscher richtig, "hatten dann aber leider zu viele Ballverluste im Spiel nach vorne."

Reichlich uninspiriert

So verdient die Pausenführung und schließlich auch der Sieg deshalb auch waren - es gab in vergangenen Zeiten auch Spiele, in denen man sich ungläubig die Augen gerieben hätte, wenn eine Mannschaft des FC Bayern zur Halbzeit bei einem Aufsteiger nur zu zwei Torchancen gekommen wäre. Zudem lässt sich manche Unebenheit im Kader kaum mehr wegdiskutieren. In der Innenverteidigung ist Holger Badstuber so dermaßen gesetzt, dass der nicht ganz günstige Breno nach Auskunft des Managers bald verliehen ("aber nicht verkauft") sein könnte. Auf der linken Außenbahn muss van Gaal seinem Landsmann Edson Braafheid vertrauen. Und damit einem Spieler, der auch in Freiburg kaum einen Angriff über die rechte Seite wirkungsvoll unterbinden konnte. Das Kollektiv immerhin scheint sich in den letzten Wochen ein wenig stabilisiert zu haben. Der FC Bayern spielt im Herbst 2009 ballsicher, taktisch diszipliniert - und reichlich uninspiriert.

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Interview mit FCN-Trainer Michael Oenning, 12. Okt. 2009, Financial Times


Er ist ein etwas anderer Bundesligatrainer: Im Interview mit FTD.de spricht Michael Oenning, Coach des 1.FC Nürnberg, über sein Nachwuchskonzept und den Wunsch, mit Ergebnissen nicht alles zu erklären.

Der Germanist Michael Oenning, 44, hat seine Doktorarbeit abgebrochen, um Trainer des 1. FC Nürnberg zu werden. Der Fußballlehrer, der früher "Sky"-Reporter Marcel Reif assistierte, kann beim Aufsteiger keine Stars kaufen. Sein Konzept aber, stark auf Nachwuchsspieler zu setzten, ist mehr als nur einer Notlage geschuldet. Oenning, der am Samstag Hertha zum Krisengipfel erwartet, hält es für zukunftsweisend.

FTD: Herr Oenning, bei Hertha, Ihrem nächsten Gegner, ist gerade der Trainer entlassen worden - die Ergebnisse haben nicht gestimmt. Als Gegner der Ergebnisberichterstattung müsste Sie das wahnsinnig machen, oder?
Michael Oenning: Ich habe kein Problem mit ergebnisorientierter Berichterstattung - aber damit, alles aus den Ergebnissen abzuleiten. Nach ein paar Spieltagen kann man noch keinen Trend erkennen. Schon gar nicht, wenn man wie wir das Ziel ausgegeben hat, nach 34 Spieltagen schlechtestenfalls 15. zu sein. Unsere Ausgangslage erleichtert vieles.

FTD: Inwiefern?
Oenning: Letzte Saison standen wir jedes Spiel unter Erfolgsdruck. Durch den Aufstieg sind wir in die komfortable Situation gekommen, dass wir nicht immer gewinnen müssen und jedes Spiel einzeln bewerten können. Durch den Sieg im letzten Heimspiel haben wir jetzt sogar ein bisschen Ruhe.

FTD: Das Beste an drei Punkten ist, dass man die Luft bekommt, mittelfristige Ziele weiter zu verfolgen?
Oenning: Ganz genau. Als Aufsteiger weiß man natürlich, dass man von 34 Spielen 17 oder 18 nicht gewinnen wird. Es wäre eine tolle Sache, wenn wir noch ein paar Punkte sammeln könnten. So hätten wir die Chance, weiter an unseren Offensivqualitäten zu arbeiten. Im Moment konzentrieren wir uns noch sehr darauf, das Spiel des Gegners zu hemmen, uns nach ihm zu richten.

FTD: Ihr Kollege Armin Veh weigert sich, über mittelfristige Ziele zu sprechen. Er sagt, er habe gelernt, dass nur der kurzfristige Erfolg zählt.
Oenning: Er ist in einer anderen Situation. Von ihm wird erwartet, dass er am besten die Champions League gewinnt und Meister wird. Wir dagegen wollen den Klassenerhalt - und damit den Grundstein für unsere Zukunft legen.

FTD: Sie scheinen sehr überzeugt zu sein von Ihrem Kader. Man hatte vor der Saison fast den Eindruck, Sie wollten gar keine neuen Spieler.
Oenning: Wir haben ja neue Spieler geholt, aber eben junge. Es kann durchaus sein, dass irgendwann mal eine U 23 aufläuft. Es mit dieser Mannschaft zu probieren, war eine bewusste Entscheidung. Es ist aber auch nicht so, dass wir als ganz junge Mannschaft die Liga rocken. Eigentlich versuche ich, neben jeden älteren Spieler einen jungen zu stellen. Unsere Achse besteht aus erfahrenen Leuten: Wolf, Kluge, Mintal, vielleicht Charisteas. An den Seiten sieht es aber schon jung aus, das stimmt.

FTD: Würden Sie Ribéry nehmen?
Oenning: Das ist aber jetzt eine sehr theoretische Frage.

FTD: Klar, was sonst - also?
Oenning: Ich wäre ja doof, einen der besten Spieler der Welt nicht zu nehmen.

FTD: Jetzt haben Sie aber lange gezögert.
Oenning: Das ist, weil - er würde nicht nach Nürnberg passen, ich müsste für ihn mein ganzes Konzept umstellen.

FTD: Das davon ausgeht, dass die beste Nachwuchsförderung die ist, den Nachwuchs auch regelmäßig spielen zu lassen?
Oenning: Richtig. Wenn wir den Klassenerhalt mit dieser jungen Mannschaft schaffen, ist sie erfahrener und besser geworden. Dann wird die nächste Saison für uns leichter werden. Außerdem tun wir auch dem deutschen Fußball gut, wenn wir unsere Leute ausbilden und nicht die der anderen. Der Trend in der Liga geht derzeit auch in die Richtung, das freut mich.

FTD: Das Bekenntnis zum eigenen Nachwuchs hört man in der Branche immer wieder. Doch meist wird es nur in der allergrößten Not konsequent umgesetzt - wenn das Geld für Stars fehlt.
Oenning: Ich will schon beweisen, dass man mit einem konsequenten Nachwuchskonzept Erfolg haben kann. Dieser Nachweis ist ja nie geführt worden. Stattdessen wollten viele Trainer ihren persönlichen Erfolg absichern, damit sie lange im Geschäft bleiben. Da schien es manchem zu riskant, den Jungen auch mal ein schlechtes Spiel zuzugestehen.

FTD: Würden Sie das denn auch machen, wenn Sie Trainer eines Meisterschaftsaspiranten wären?
Oenning: Der FC Arsenal macht das so, Barcelona macht das so - da bin ich in guter Gesellschaft. Association Jeunesse Auxerre macht das sogar so konsequent, dass es im Vereinsnamen steht: Jugendverein Auxerre.

FTD: Der französische Erstligaverein, der mit Guy Roux über 30 Jahre den gleichen Trainer hatte.
Oenning: Genau. Das nenne ich Kontinuität. Und das ist etwas, womit der SC Freiburg und Werder Bremen auch gut gefahren sind. Kontinuität ist natürlich langweilig, wenn woanders ständig was los ist, weil der Trainer rausfliegt. Da wird was geboten, da ist Spektakel! Ich aber glaube, dass wir in Nürnberg lange genug Spektakel hatten. Deshalb ist es für uns wichtig, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Sonst kommt der Nächste, und der macht es wieder ganz anders.

DFB-Stürmer Helmes - Der Mann, der Klose und Gomez verdrängen kann open.png

Porträt von Patrick Helmes, Sep. 2008, Spiegel Online


Er ist schnell, ballsicher und hat eine exzellente Schusstechnik - doch obwohl die Konkurrenz schwächelt, saß DFB-Nachwuchsstürmer Patrick Helmes bislang meist auf der Bank. Auch im WM-Qualifikationsspiel gegen Finnland dürfte er allenfalls zweite Wahl sein. Aber das kann sich bald ändern.

Verkehrte Welt in der deutschen Nationalelf: Es ist erst wenige Monate her, da wurde ein Mannschaftsteil stets ausgenommen, wenn sich Beobachter kritisch mit der Mannschaft beschäftigten. Im Sturm, so hieß es, sei das Team bestens aufgestellt. Und jetzt das: Mario Gomez vom VfB Stuttgart hinkt seiner Form hinterher, Miroslav Klose von den Bayern hinkt nicht einmal mehr. Bei Kevin Kuranyi fragen sich nun viele, ob er je so gut war wie das Image, das er bei Bundestrainer Joachim Löw offenbar noch hat. Nur Lukas Podolski zeigt ziemlich konstant, wie gerade wieder gegen Liechtenstein, wie gut er sein kann.

Und dann gibt es noch Patrick Helmes.

Der Leverkusener galt lange als Mann der Zukunft. Was auch hieß, dass man sich in der Gegenwart nicht allzu intensiv mit ihm befasste. Gegen Liechtenstein hätte auch Patrick Helmes gut ausgesehen. Doch im Rheinpark-Stadion saß ausgerechnet er als einer von zwei deutschen Spielern nur auf der Tribüne. Dabei sind die Parallelen zwischen Podolski und Patrick Helmes offenkundig: Beide sind dann am stärksten, wenn sie über die Flügel kommen und – wie gegen Liechtenstein – Platz haben. Beide verfügen über eine herausragende Schusstechnik und sind auch bei hohem Tempo jederzeit ballsicher – eine Beschreibung, die längst nicht auf alle fünf deutschen Stürmer zutrifft.

Interessanterweise haben beide auch die gleichen Schwächen, die ihre jeweiligen Vereinstrainer immer wieder ansprechen: Wer hinter ihnen die Seite absichern muss, ist um seinen Job nicht zu beneiden. Das kann ein Problem sein. Allerdings nicht gegen Liechtenstein.

Patrick Helmes erinnert allerdings nicht nur in der Spielweise an Lukas Podolski. Wie er so in der Hotellobby sitzt, den Blick mal hier, mal dorthin schweifen lässt, wie er seinen Kollegen Rolfes in breitem Kölsch verspottet und dann umarmt – hätte er nicht längere Haare und grünere Augen, man müsste zweimal hinschauen, um eine Verwechslung auszuschließen.

Zumal beide die unbedingte Fähigkeit verbindet, das Leben so einfach zu nehmen, wie es offenbar eben auch sein kann. Wo Podolski gerne die Geheimnisse des Fußballs darauf reduziert, dass man dabei "Gas geben" müsse, versichert Helmes glaubwürdig, dass es ihm nichts ausgemacht habe, als ihn 50.000 Kölner Fans lautstark zum Teufel wünschten.

Helmes ist, wie er ist

Ein Fan hat ihm mal erklärt, warum die Leute so sauer waren, als sein anstehender Wechsel nach Leverkusen bekannt wurde. "Die haben mich halt geliebt, da waren sie eben enttäuscht, dass ich weggegangen bin." Persönlich habe er mit den Fans eh kein Problem gehabt, sagt er. Auch das glaubt man ihm. Der Mann ist sympathisch, vor allem ist er, wie er ist. Das mögen Fußballfans bei allen Vereinen lieber als heuchlerische Diven.

Helmes, der Playstation-Crack, der die ganze Zeit unruhig auf seinem Stuhl sitzt, schaut schon wieder auf die Hotel-Empore. Vielleicht lauert ja da irgend eine Abwechslung zum tristen Interviewalltag. Angst vor dem ersten Spiel, das seine Leverkusener nach Köln führt, hat er jedenfalls nicht. Die Leute in Köln wüssten schließlich auch, was er für sie getan habe. In der Tat traf Helmes alleine in den beiden Zweitliga-Jahren überragende 31 Male in nur 52 Spielen und bereitet zudem zahlreiche Treffer vor. In Leverkusen scheint es eine Liga drüber ähnlich gut zu laufen. In den bisherigen drei Saisonspielen schoss er zwei Tore und überzeugte die Beobachter mit starken Leistungen.
Einer von fünf Stürmern, nicht mehr der Fünfte

Wenn ein hundertprozentiger Fußballer wie Helmes nicht spielen darf, obwohl er seit Monaten in bestechender Form ist, ist jeder Trainer gut beraten, ihm das auch zu erklären. Joachim Löw scheint das getan zu haben: "Ich weiß, dass der Trainer viel von mir hält. Das sagt er mir auch. Ich hoffe natürlich schon, dass ich dann spätestens in einem halben Jahr drin bin." Helmes wäre zu clever, um sich die Chance, Stammspieler der Nationalmannschaft zu werden, dadurch kaputt zu machen, dass er nun vehement einen Stammplatz fordert. Er hätte gerne gespielt gegen Liechtenstein, das sollen die Leute schon mitbekommen. "Wichtig ist, dass der Trainer etwas von mir hält und dass ich weiß, was er von mir hält." Helmes findet, dass er bereits jetzt in der Hierarchie aufgestiegen ist: "Vor der EM war ich Stürmer Nummer fünf, jetzt sehe ich mich eher als einer von fünf."

Es gibt Leute, die behaupten, Helmes' Hauptproblem sei seine Gutmütigkeit. Klaglos habe er sich in den Flieger gesetzt, als er auf Mallorca aus dem vorläufigen EM-Kader gestrichen wurde, klaglos habe er nun akzeptiert, dass er neben Christian Pander als einziger deutscher Spieler in Vaduz auf die Tribüne gesetzt worden sei.

Das mit der Gutmütigkeit könnte eine Fehlinterpretation sein. Der Mann glaubt einfach, dass er es schon bald geschafft hat. Weil in den kommenden Wochen jeder sehen wird, dass er besser ist als die meisten der vier Konkurrenten. "Wir fünf spielen ja jetzt auch alle in der gleichen Liga. Anscheinend hat es bislang noch nicht ganz gereicht. Aber meine Zeit wird kommen."

Wiener EM-Stimmung - Fröhlich, friedlich, durstig open.png

Über Wien im EM-Fieber, Jun. 2008, Spiegel Online


Hotels und Züge sind leer, und die Fanmeile ist verwaist. Die Wiener haben sich den Fan-Ansturm auf ihre EM-Stadt anders vorgestellt. Und wer hat schuld? Die Medien, sagen die Hauptstädter. Der Blätterkrieg berührt sie ansonsten wenig.

Wien - Die Medien sind schuld. Und das, obwohl das mediale Pingpong zwischen Wiener und Hamburger Boulevard (A ist arrogant, B ist beleidigt und umgekehrt im täglichen Wechsel) hier keinen Menschen interessiert. In einer Stadt, in der die Straßenverkäufer Dutzende Tagezeitungen feilbieten, stoßen Schlagzeilen, die sich wie Klosprüche lesen, auf gepflegte Gleichgültigkeit: "Ösiwürstchen wegputzen?" "Wer's braucht", sagt ein österreichischer Fan auf der Fanmeile gleichgültig, "scheint's ja ganz schön Angst zu haben", schäkert seine Freundin. Geschenkt.

Die Medien sind trotzdem schuld - an den leeren Betten in Wien. Dass die deutschen Zeitungen berichtet hätten, in Wien sei kein Quartier mehr zu bekommen, das sei dann doch ein starkes Stück, heißt es am Taxistand vor dem Westbahnhof: "Ja, san die deppert?", erregt sich Dragan, ein aus Belgrad stammender Taxifahrer, der seit 13 Jahren in Wien lebt: Stundenlang stehe er mit seinen Kollegen vorm Bahnhof herum: Leer seien die Züge, "genau wie die Hotels", in vielen stehe jedes zweite Bett leer, schätzt er. "Wenn die Leute lesen, da ist kein Platz mehr in der Stadt, bleiben sie lieber zu Hause."

Am Montagnachmittag rechnet Dragan mit besseren Geschäften. Man merke schon, dass viele Leute aus Neugier in die Stadt kämen. "Sie wissen schon, Cordoba 2 und so." Ob er selbst an einen österreichischen Sieg glaube? "Na, wirklich ned."

Auch Peter, ein Rapid-Fan, ist skeptisch, was die Erfolgsaussichten der österreichischen Equipe angeht. Dass er sich gerne eines Besseren belehren lassen würde, merkt man jedoch. Nach ein paar Sekunden, eigentlich war er schon Richtung Eisdiele entfleucht, kehrt er noch einmal um. Man habe ja am Sonntagabend beim türkischen Sieg gesehen, sagt er, dass es bei dieser EM auch einmal ein 3:2 geben könne, "wie damals…". Peter lacht.

Lebensqualität spricht für Österreich

Wie der Schlachtenbummler scheint auch die österreichische Medienlandschaft zu empfinden: "Hoffen auf ein Wunder", titelt der "Kurier" und geißelt wie die meisten Medien das derzeitige Makroklima. Wenn alte Klischees auf beiden Seiten so inbrünstig gepflegt würden, hätte das wohl nur zum Teil mit der tatsächlichen deutschen Arroganz zu tun, schreiben auch andere Zeitungen. Offenbar leide Österreich nach wie vor unter Minderwertigkeitskomplexen gegenüber dem Nachbarn, der immerhin zehnmal so viele Einwohner habe.

Viele Gründe dafür gebe es allerdings nicht: Die Pro-Kopf-Ausgaben für Kunst, die Lebensqualität in den Städten, die Exportdaten - alle Rahmendaten sprächen derzeit für Österreich. Und gegen Minderwertigkeitskomplexe. Nicht zu vergessen der Humor: Denn die Deutschen lachten über Furzkissen und über Pocher, konstatiert der "Kurier" erstaunt, wohingegen sich die "Salzburger Nachrichten" über Atze Schröders Beliebtheit wundern.

Kurzum, zwar sei man verbunden durch "die gemeinsame Sprache, die uns trennt", heißt es im "Kurier" unter Berufung auf Karl Kraus. Doch der Humor sei nun mal kein Meister aus Deutschland: "Die Deutschen sehen so aus, als seien sie drauf und dran einen Weltkrieg anzufangen oder einen jämmerlichen Witz zu erzählen", wird ein (anonymer) "Kenner der deutschen Seele" zitiert.

Tickets zu Marktpreisen

Wie humorbegabt die deutschen Fans tatsächlich sind, ist in diesen Tagen in Wien nur schwer zu ermitteln. Fest steht jedoch, dass sie gut gelaunt sind. Rund um den Stephansplatz haben sich alle die versammelt, die die Stammklientel der deutschen Nationalmannschaft ausmachen. Fußballfans im klassischen Sinne. Fröhlich, friedlich, durstig.

Als zwei deutsche Polizisten an einem vollbesetzten Straßencafé vorbeigehen, werden sie aufgefordert, die "Welle" zu machen. Dass sie der Aufforderung nachkommen und dreimal eine La-Ola-Welle starten, erheitert nicht nur die österreichischen Kollegen: "Deutsche Polizei, deutsche, deutsche, deutsche Polizei", schallt es über den Domplatz. Zu beobachten ist auch, dass - Boulevardschlagzeilen hin oder her - die beiden Fanlager sich an vielen Stellen ohne größere Anlaufschwierigkeiten beim gemeinsamen Bier verbrüdern.

Bei einem anderen Thema endet jedoch der Gruppengeist der Fußballfans. Ein Fan, der seit zwei Tagen versucht, noch ein Ticket für das Spiel zu ergattern, ist angeblich auf "fast 30" Fans gestoßen, die "noch ein Ticket über hatten". Zu einem halbwegs zivilen Kurs wollte es jedoch keiner verkaufen. "Da redet der letzte Besoffski plötzlich wie ein Banker", hat er bemerkt, "Marktkurs und so." Selbiger habe gestern bei "450 bis 500 Euro" gelegen, so der Fan. Am Montagmittag waren es bereits 100 Euro mehr.

Zwei-Klassengesellschaft open.png

Über die Zweiklassengesellschaft der Fußball-Bundesliga, 7. Sep. 2007, zeit.de


Da das Leistungsgefälle in der Bundesliga inzwischen größer ist denn je, weichen die Fans auf Nebenkriegsschauplätze aus.

Fußballromantiker haben an diesem Wochenende Auftrieb erhalten. Ist es nicht so, dass ein Aufsteiger den amtierenden deutschen Meister schlagen kann? Dass der enthemmte Ägypter Mohamad Zidan noch in der Schlussminute den scheinbar unverwundbaren Siegfried aus Bavaria unters Lindenblatt pieksen kann?

Doch so leid es einem mitfühlenden Herzen tun mag: Am Ende der Saison wird Bayern München mindestens genauso deutlich vor dem HSV rangieren wie der VfB Stuttgart vor seinem badischen Rivalen. Spätestens in der Rückrunde werden sich die alten Hierarchien wieder in der Tabelle niedergeschlagen haben. Denn der Trend zur Zweiklassengesellschaft hat sich in der Bundesliga noch mal beschleunigt: Da sind zum einen die Bayern, die so viel Geld so sinnvoll ausgegeben haben, dass sie in dieser Liga keine dauerhafte Konkurrenz zu fürchten brauchen – trotz des Punktverlusts haben sie bereits jetzt drei Punkte Vorsprung auf Rang 2.

Um die weiteren Champions-League-Plätze werden Schalke, Werder, Stuttgart und eventuell Leverkusen rangeln. Denn diese vier Vereine sind die einzigen, die neben einer vernünftigen Qualität in der Stammformation auch in der Breite so besetzt sind, dass sie den Ausfall gleich mehrerer Stammspieler verkraften können. Es folgen Dortmund und der HSV, um die Plätze 8 bis 18 wird etwas ergebnisoffener gerungen werden.

Klingt langweilig? Ist es auch. Doch die traurige Wahrheit – Fans des VfL-Bochum oder von Arminia Bielefeld werden in diesem Leben keinen Uefa-Cup-Platz mehr feiern können – liegt letztlich nur im europäischen Trend.

Egal, ob England, Frankreich, Italien oder Spanien, in allen europäischen Topligen haben in der letzten Dekade die immer gleichen Vereine Meistertitel und Champions-League-Plätze unter sich ausgemacht. Wer Erfolg hat, wird für Sponsoren attraktiv und kauft sich damit noch mehr Erfolg.

Es ist leider so: Die Tabelle lügt nicht. Allenfalls gaukelt sie einen Qualitätssprung zwischen erster und zweiter Liga vor, der spätestens seit dem Enteilen der Krösusse nicht mehr die Realität abbildet: Bielefeld oder Cottbus sind leistungsmäßig von guten Zweitligateams wie Mainz oder Fürth deutlich weniger weit entfernt als von Bremen oder Schalke. Die wahre Trennlinie zwischen Deutschlands Fußballmannschaften verläuft also in etwa auf Platz 10 der Erstligatabelle und endet auf Platz 8 der Zweitligatabelle.

Und weil das so ist, werden die Nebengeräusche umso wichtiger, je vorhersehbarer der sportliche Wettkampf als solcher wird. Wer am Sonntag im Karlsruher Wildparkstadion war, sah Tausende von Fans, die nach dem Schlusspfiff so ausgelassen herumhopsten, als habe ihr KSC gerade die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Das 1:0 gegen den Erzfeind VfB Stuttgart – so der Tenor – sei schon jetzt das Highlight der Saison. Noch vor zehn Jahren war der vermeintliche Erzfeind allenfalls ein Rivale, gegen den man lieber gewann als gegen Dortmund. Heute schreit eine ganze Kurve Hassparolen gegen Schwaben, einen Landstrich, der etwa 30 Kilometer östlich von Karlsruhe beginnt. Auch die Rivalitäten zwischen Dortmund und Schalke oder zwischen Nürnberg und Bayern waren früher spielerischer als heute, die Spottgesänge witziger, weniger fundamental.

Offenbar laden Fußballfans ein Fußballspiel lieber künstlich mit Emotionen auf als hinzunehmen, dass die Abschlusstabelle schon vor dem ersten Spieltag zu großen Teilen vorherbestimmt ist. Maik Franz, der bärbeißige Verteidiger des KSC weiß das. In der Sportbild hatte er das Verhältnis zwischen VfB- und KSC-Fans mit dem Satz umschrieben, dies sei "wie Krieg". Am Sonntag hatten die Fans der Karlsruher den Spruch auf ein Transparent gemalt und das "wie" durchgestrichen: "Es ist Krieg!" Dabei ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein großer Teil der Krakeeler, die "ein Baum, ein Strick, ein Schwabengenick" skandierten, selbst mit einer Schwäbin verheiratet ist.