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Was ist links?

Rezensionen

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»Was ist links?«
Reportagen aus einem politischen Milieu
224 Seiten,
Paperback
ISBN 978-3-406-60649-6
12,95 €

vorwärts.de, Juli 2011

Links betrachtet
Von Uwe Knüpfer

Die ideale Strandlektüre stellt man sich eigentlich anders vor. Christoph Rufs Buch "Was ist links?" ist kein Krimi, keine Herzschmerzschmonzette, auch kein Ratgeber. Nein, aber es hilft Sozialdemokraten, wieder aufrechter gehen zu lernen.
Wer gelegentlich rätselt, was es heute heißt, links zu sein, wer zweifelt, ob Engagement sich noch lohnt, wer sich von medialen Abgesängen auf die Volkspartei SPD hat einlullen lassen, der tut gut daran, zu diesem verblüffend leicht und unterhaltsam geschriebenen Buch zu greifen und dem 40-jährigen Autor bei seiner Wanderung kreuz und quer durch die Republik, auf und nieder durch die Hierarchien von SPD, Linkspartei und Grünen zu folgen.

Reise durch die Republik

Ruf betrachtet die Innereien der linken Szene mit der wachen und unverstellten Neugier eines Ausflüglers, der sich vorgenommen hat, einen frischen Blick auf eine altvertraute und deshalb klischeebehaftete Route zu werfen. Er führt uns nach Potsdam und nach Freiburg-Vauban, nach Nürnberg, ins Vogtland und ins Ruhrgebiet. Und er entdeckt überall Menschen, die eine recht klare Vorstellung davon haben, was sich ändern muss im Land. Die Soziales und Ökologisches zusammendenken, "und zwar international wie national". Menschen, "die Macht von den Banken und Lobbys" zurückholen wollen, Menschen, die fest daran glauben, "dass nur eine durchlässige Gesellschaft ohne allzu krasse soziale Spaltung eine lebenswerte sein kann". Und die etwas dafür tun.

Zu seiner eigenen Verblüffung stößt Ruf bei seinen Wanderungen auf starke Charaktere - übrigens gerade "vor Ort" , in der Kommunalpolitik, und auf überzeugende Politiker auch dort, wo er es nicht erwartet hat. Florian Pronold etwa und auch Nils Schmid, die jungen, oft als Leichtgewichte beschriebenen SPD-Vorsitzenden im Süden des Landes, hat er als starke, gewinnende Redner erlebt. "Könnte es also sein," fragt Ruf sich selbstkritisch, "dass wir Journalisten manchmal eine ganz andere Wahrnehmung von öffentlichen Personen haben als die übrigen Menschen?"

Rot-Rot-Grün 2013

So unvoreingenommen er hinsieht und hinhört - etwa wenn er die sozialen Biotope erkundet, aus denen sich Die Linke speist -, so offenkundig vor-angetan ist Ruf von der Idee, Rot-Rot-Grün 2013 in einer Koalition zusammenzubringen, auch im Bund. Zwingender als die Vorfreude auf diese Machtperspektive wächst beim Lesen die Erkenntnis, dass Ruf auch bei der Nah-Sicht auf Linke und Grüne vor allem solche Menschen imponieren, die im Grunde Sozialdemokraten sind. Er findet sie überall; Menschen, denen Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität keine leeren Floskeln sind. Menschen, die mitten im Leben stehen und von hier aus Visionen entwickeln.

Wer letztlich zuviel Spiegel und BILD gelesen und an Demoskopen-Lippen gehangen hat, dem wird Christoph Rufs Buch eine erfrischende, eine erstaunliche und eine erbauliche Lektüre sein; ideal für Strand und Balkon - jedenfalls für Sozialdemokraten im Sommer anno 2011.


FAZ.NET, 10. Mai 2011

Ausstieg in Fahrtrichtung links
Von Julia Lauer

An der Basis von SPD, Grünen und Linkspartei: Christoph Ruf spiegelt die große Politik in kleinen Milieustudien. Entflammt von der Idee einer geeinten Linken, neigt er dabei zur Schwarzweißmalerei.

Vor ein paar Wochen machte sich Unmut unter den Grünen in Sachsen-Anhalt breit. Die Landtagswahl sicherte ihnen zwar den Einzug ins Landesparlament, aber sie störten sich dort an den ihnen zugedachten Sitzplätzen: „Ganz rechts ist nicht der Platz der Grünen“, sagte ihre Fraktionschefin, Claudia Dalbert. Die Begriffe „links“ und „rechts“ sollen auf die französische Abgeordnetenkammer von 1814 zurückgehen: links vom Präsidenten saßen die Bürger, rechts von ihm der Adel. Im Berliner Bundestag sitzen die Grünen in der Mitte. Die Sitzordnung dort orientiere sich am Muster der französischen Volksversammlung, ist auf der Internetseite des Bundestags zu lesen. Gleich danach folgt der Hinweis, dass man die Parteien damit inhaltlich aber nicht festlegen wolle. Selbst wenn man wollte, müsste man erst einmal wissen, was „links“ und „rechts“ heute überhaupt heißt.

Christoph Ruf will zumindest den linken Teil dieser Frage beantworten. In seinem aktuellen Buch „Was ist links?“ nähert er sich der Thematik aus der Sicht des Reporters. Die Recherchen für sein Buch führen ihn quer durchs Land, er besucht etwa SPD-Mitglieder in Sachsen, die sozialdemokratischen Oberbürgermeister von Gera und Nürnberg, Bewohner des grün geprägten Freiburger Quartier Vauban und Wahlkampfveranstaltungen der Linken in Köln. Was Ruf interessiert, sind ihre Ideen und die Gründe für ihr politisches Engagement.

Die zwangsläufige Koalition

Seine Gesprächspartner sind Mitglieder von SPD, Grünen oder der Linkspartei - und nicht etwa der Deutschen Kommunistischen Partei oder der Antifa. Grund ist, dass diese drei Parteien im Parlament vertreten sind, als links gelten und Ruf - der früher einmal für kurze Zeit bei den Grünen aktiv war - einen Politikwechsel herbeisehnt. Der schwarz-gelben Regierung unter Angela Merkel wirft er vor, Wirtschaftswachstum ernster zu nehmen als Klimawandel, die biologische Landwirtschaft schmählich zu behandeln und einen „nicht besonders christlichen Geist“ zu verbreiten, wie er beispielsweise im Sparpaket stecke. Ruf will wissen, ob sich die deutsche Linke mit „Themen befasst, die unseren Alltag noch in 20, 30 Jahren bestimmen werden“.

Er sucht Gesprächspartner jenseits der Parteispitze, die man tagtäglich in den Nachrichten sieht - je weniger sie in den Medien präsent sind, so nimmt Ruf an, desto frischer ist ihre Sicht auf die Dinge. Katja Kipping etwa berichtet ihm von ihrem Kampf in der Linken für ein bedingungsloses Grundeinkommen, Eva Brackelmann trat der Bürgerbeteiligung und der Emanzipation wegen der SPD bei, Nils Schmid setzt sich dort für kostenfreie Kindergärten und die Abschaffung der Studiengebühren ein, Michael Halmbrecht wechselte wegen Sarrazin zu den Grünen. Wieder und wieder kommt die Sprache auf die Hartz-Regelungen, die Rot-Grün unter Schröder beschloss und die seitdem umstritten sind. „Es gärt an der Basis - bei allen drei Parteien“ ist eine von Rufs Schlussfolgerungen.

Das ist fast schon ein Grund, sich zusammenzutun. Gerade für die Jüngeren sei Rot-Rot-Grün „die zwangsläufige Koalition“, resümiert Ruf. Er berichtet von Gremien, die einer geeinten Linken den Weg bereiten. Was sie zu Linken macht und als solche verbinden soll, sind die gängigen Platituden: „Gesellschaftliche Liberalität, soziale Gerechtigkeit und internationale Solidarität“. Die Erkenntnisse darüber, wie eine gemeinsame politische Agenda aussehen könnte, bleiben fragmentarisch: Ruf nennt den Atomausstieg, Mindeststundenlöhne von acht Euro und einen flinken Abzug aus Afghanistan.

Das Wahlergebnis scheint ihm recht zu geben

Mit humorvollen Kommentaren distanziert er sich zwar von manchen inhaltlichen Auswüchsen linker Ideologie (zum Beispiel von jenen „Irrlichtern“, die Gerichte für entbehrlich halten), und er spielt mit den Klischees von Linken („Ich habe noch nie verstanden, warum man sich als Linker schlecht ernähren muss“). Aber Ruf scheint so entflammt von der Idee einer geeinten Linken, dass er zur Schwarzweißmalerei neigt. Unterschiede zwischen den linken Parteien versucht er wegzureden, von der programmatischen Annäherung der beiden großen Volksparteien SPD und CDU will er auch nichts wissen - obwohl sie ja überhaupt erst die Frage aufwirft, was unter „links“ zu verstehen ist. Und es bleibt die Diskrepanz bestehen zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Nur ein Beispiel, das sogar in Rufs Buch vorkommt, ist die Koalition in Thüringen: Christoph Matschie, SPD, ließ sich nach den Wahlen 2009 schließlich doch lieber auf die Union ein - statt auf die Linke.

Rufs Buch ist hochaktuell, er beendet seine Recherchen zwar vor Fukushima, aber noch während des Wahlkampfs in Baden-Württemberg. Das Wahlergebnis scheint ihm dann doch ein bisschen recht zu geben. Vor allem, dass Kretschmann bei dem rot-grünen Bündnis von einer „Liebesheirat“ sprach - wenn auch der Zusatz „mit getrennten Betten“ nicht lange auf sich warten ließ.


Deutschlandfunk, 09. Mai 2011

Auf linker Mission
Von Sabine Pamperrien

Nach seinem letzten Klassentreffen ging der Autor Christoph Ruf mit einem Auftrag nach Hause: Er wollte herausfinden, was es bedeutet, "links" zu sein. Also hat er sich auf die Reise durch Deutschland begeben. Er besuchte alternative Wohnsiedlungen und beobachtete Wahlkämpfe.

Vor zwei Jahren veröffentlichte der Journalist Christoph Ruf gemeinsam mit seinem Kollegen Olaf Sundermayer ein viel beachtetes Buch mit zahlreichen Reportagen über die NPD und ihr Umfeld. Seither weiß die Öffentlichkeit, dass die NPD strategisch geschickt und intellektuell keineswegs so unterbelichtet wie vermutet an der Faschisierung breiterer Wählerschichten arbeitet. Ruf und Sundermayer zeigten, wie tief die nationalsozialistische Ideologie bereits in die sogenannte Mitte der Gesellschaft vordringen konnte. Im Buch über die NPD ging es um klassische Aufklärung. Der Blick der Autoren schärfte sich auch durch ihr eigenes Erschrecken über den fortgeschrittenen Verfall demokratischer Gesinnung.

Neuer Forschungsgegenstand des ehemaligen Spiegel-Online-Redakteurs Ruf sind die Linken. Wer aber nun als logische Folge des ersten Buchs eine Entlarvung der umstrittenen Partei Die Linke als weitere demokratiefeindliche Kraft erwartet, wird enttäuscht.

Anstoß für das Vorliegende Buch waren Rufs Beobachtungen bei seinem ersten Klassentreffen seit dem Abitur 1991. Im Sommer 2009 traf der Autor seine ehemaligen Klassenkameraden wieder. Bei einer gemeinsamen Grillparty wurde über dies und das gesprochen, Familie, Beruf, Politik, alte Zeiten. Das Szenario, das gewöhnlich Drehbuchautoren zu Schnulzen über die erste Liebe animiert, provozierte eine umfassende Bestandsaufnahme dessen, was heute in Deutschland unter dem Adjektiv links firmiert. Ruf fokussiert das politische Engagement in der Jugend und den traurigen Ist-Zustand der Politikmüdigkeit heute.

"Parteien finden die meisten unserer Altersgenossen so attraktiv wie die Zeugen Jehovas."

Plötzlich wird den Enddreißigern bewusst, dass sie 1991 fast alle links und politisch aktiv waren - und zudem genau definieren konnten, was links bedeutete. 2009 verstehen sich fast alle immer noch als irgendwie links, können aber nicht mehr erklären, was das heißt und belächeln jeden, der sich parteipolitisch engagiert oder treten ihm mit Misstrauen entgegen. Was ist aus dem Engagement von einst geworden? Es macht die Geschichte dieses Buchs charmant, dass im Sinne eines "Ruf, übernehmen Sie!" die Gefährten der Jugend den Journalisten drängen, herauszufinden, was heute links ist. Ruf gibt zu, dass ihn längst schon Zweifel an der eigenen Rolle plagten.

"Wir Medienleute sind mitschuldig daran, dass die politischen Debatten immer oberflächlicher werden - und das Spitzenpersonal immer stromlinienförmiger. Das sage ich laut. Was ich nicht sage: Ich, der Medienmensch, denke seit Kurzem darüber nach, wie stromlinienförmig ich selbst geworden bin."

Im Grunde verdankt sich einer kollektiven Midlife-Crisis eine lesenswerte Zustandsbeschreibung linker politischer Gruppierungen und ihrer Wähler. Ein Recherchemarathon führte Ruf zu Gesprächen mit Anhängern und Vertretern von SPD, der Linken und den Grünen in ganz Deutschland. Dass es die Problemzonen tatsächlich gibt, die sein Kollege Jan Fleischhauer in "Unter Linken" so kurzweilig bloßstellte, leugnet er nicht.

"Fleischhauer hat schon Recht: Die Linken können nerven wie keine zweite Subspezies des Homo sapiens erectus. Dogmatismus und Lustfeindlichkeit, schamlose Selbstgerechtigkeit und penetranter Moralismus, wo die Argumente versiegen. Wer die deutsche Linke beschreibt, stößt geradezu automatisch auf Personen und Aussagen, die man nur karikieren kann."

Trotz aller Kritikpunkte sieht Ruf indes keine Alternativen zu linker Politik. FDP und CDU/CSU sind für ihn von vornherein keine Option. Ruf fragt zwar: "Was ist links?". Doch schon vor Beantwortung dieser Frage weiß er, dass alles andere schlecht ist. Jede Stunde, die man in turbulenten Mitgliederversammlungen eines fundamentalistischen Stadtverbandes der "Linken", im piefigen SPD-Ortsverein oder bei Grundsatzdebatten abgehobener Grünen-Ökologiegruppen verbringe, sei spannender und aufrichtiger als ein Bundesparteitag von FDP oder CDU, behauptet er.

Den Nachweis, dass selbiges für Sitzungen etwa der CDU-Arbeitnehmergruppe, des linksliberalen Flügels der FDP oder anderen mit seinen Beispielen eher vergleichbaren Untergruppierungen gilt, führt er nicht. Ebenfalls unangemessen platt wird die Schröder-SPD mit ihrer Agenda-Politik und dem dazugehörigen Personal abgewatscht. Dabei springt ins Auge, dass der Autor selbst so etwas wie eine Agenda verfolgt. Er strickt mit seinem Buch an der Akzeptanz für eine Zusammenarbeit von SPD, Grünen mit der umstrittenen Partei Die Linke auf Bundesebene.

"Ich möchte herausbekommen, warum diese drei Parteien, die mir und den meisten meiner Klassenkameraden fast schon wie natürliche Verbündete vorkommen, so viel Energie darauf verschwenden, sich wechselseitig zu bekämpfen."

Unter dieser Prämisse, die bei der Lektüre des analytischen Teils immer mitgedacht werden sollte, geht Ruf mit scharfer Beobachtungsgabe an seine Gesprächspartner heran. Glücklicherweise zitiert er sie meist umfassend in direkter Rede und ergänzt klug notwendige Hintergrundinformationen. Genau das ist es, was in der vorgelegten thematischen und personellen Breite das Buch außerordentlich lesenswert macht. Der Autor zeigt das gesamte Spektrum der täglichen politischen Arbeit linker Parteien, ihrer Entscheidungsfindung, ihrer Verhandlungsmaximen und ihrer Theoriebildung. Er ist im Osten wie im Westen herum gereist und meint am Ende, die Antwort auf seine Eingangsfrage gefunden zu haben:

"Links zu sein bedeutet heute, ökologisch und ökonomisch umzusteuern - in aller Radikalität. Wir werden uns um des Überlebens des Planeten willen radikal einschränken müssen. Und wir werden, um eines zivilen Zusammenlebens willen, diesen Prozess so gestalten, dass die Mehrheit der Gesellschaft diese Ziele mit allen Konsequenzen teilt. Auf die Probleme des 21. Jahrhunderts kann nur die geeinte Linke eine politische Antwort geben."

Kann sie? Das entscheiden die Wähler. Fast wünscht man sich, der Autor hätte sich damit begnügt, als gut belegtes Fazit zusammenzufassen, dass die drei Parteien sich in ihrer politischen Zielsetzung nur unwesentlich unterscheiden. Das Buch ist ja nicht nur an heimatlose Linke adressiert. Es bietet allen, die an ernsthafter inhaltlicher Auseinandersetzung interessiert sind, vielschichtige Einblicke in linke Politik. Was jetzt zur Komparatistik fehlt, sind Reportagen aus dem bürgerlichen Milieu.